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Morbus Parkinson und Depression

November 2009 | Dr. Ilona Csoti und Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Herbstwald

Bei kaum einer anderen neurologischen Erkrankung steht ein derart umfangreiches medikamentöses und operatives Behandlungsangebot zur Verfügung, wie bei der Parkinson-Krankheit. Trotzdem gibt es eine Gruppe von Patienten, denen man allein durch die Behandlung ihrer Bewegungsstörungen wie Steifheit oder Zittern nicht ausreichend gerecht wird. Im Laufe seiner Erkrankung erleidet jeder zweite bis dritte Parkinson-Patient eine depressive Episode. Mit etwa 35 bis 45 % ist die Depression somit die häufigste neuropsychiatrische Begleitsymptomatik des Morbus Parkinson. Diese verdient besondere Aufmerksamkeit, da sie häufig hartnäckig ist und das subjektive Erleben der eigenen Befindlichkeit wesentlich verschlechtern kann. In Umfragen zur Lebensqualität von Parkinson-Patienten gehören Depressionen unabhängig von der motorischen Behinderung zu den wichtigsten beeinträchtigenden Faktoren. Ihre sichere Erkennung, Zuordnung und Behandlung ist deshalb für die erfolgreiche Behandlung eines Parkinson-Patienten von besonderer Wichtigkeit.

 

Was ist eine Depression?

Die Bezeichnung Depression kommt aus dem Lateinischen von "depressio" und bedeutet "Niederdrücken". Gemeint ist eine Störung der seelischen Befindlichkeit mit gedrückter Stimmungslage, Antriebshemmung, Lust- und Interesselosigkeit, Freudlosigkeit und vermindertem Selbstwertgefühl. In der Regel ist diese Gefühlsstörung zeitlich begrenzt, sodass in der Medizin häufig von einer depressiven Episode gesprochen wird.
Depressionen können eigenständig oder im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen auftreten. In diesem Fall spricht man von organischer oder somatogener Depression (z. B. bei Morbus Parkinson).

Wie kommt es zu Depressionen bei Morbus Parkinson?

Unser zentrales Nervensystem besteht aus mehreren Milliarden Nervenzellen, welche über hochkomplizierte Schaltpläne miteinander vernetzt sind. Die einzelnen Nervenzellen treten durch elektrische Impulse und bestimmte chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, miteinander in Verbindung. Eine Nervenzelle erzeugt einen elektrischen Impuls und schickt diesen über ihre Fortsätze wie über elektrische Kabel an die nächste Nervenzelle weiter. Am Ende des Fortsatzes wird das elektrische Signal in eine chemische Information in Form eines Botenstoffes umgewandelt. Die Botenstoffe im Gehirn werden deshalb auch als „Briefträger“ zwischen den Zellen bezeichnet. Fallen diese aus, werden zu wenig oder gar keine Informationen weitergeleitet.
Wie wir alle wissen, besteht bei der Parkinson-Krankheit ein Mangel an Dopamin. Dopamin ist ein Botenstoff, welcher in der Schwarzen Substanz des Hirnstamms gebildet und über neuronale Verbindungen, sogenannte Schleifen, in bestimmte Regionen des Gehirns transportiert wird. Es ist für die Steuerung der extrapyramidalen Motorik (Fähigkeit des Körpers, sich kontrolliert zu bewegen) zuständig, spielt aber auch eine wichtige Rolle für unser Denken und Fühlen und unsere Wahrnehmungen. Dopamin gehört neben Serotonin und Noradrenalin zu den "Glückshormonen", eine Bezeichnung für die Neurotransmitter, die unsere Stimmungslage beeinflussen. Seine Aktivität hat neben der Regulation der Motorik viel mit Motivation, emotionaler Erregung, Wachsamkeit und Lust zu tun.

Durch den Mangel an Dopamin bei Morbus Parkinson kommen auch die anderen Glückshormone wie Serotonin und Noradrenalin in ein Ungleichgewicht. Untersuchungen haben gezeigt, dass neben Veränderungen dopaminerger Nervenzellen bei depressiven Parkinson-Patienten auch Störungen in serotonergen und noradrenergen Zellgebieten des Gehirns nachweisbar sind.

Warum bekommt dann nicht jeder Parkinson-Patient eine Depression?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ähnlich wäre die Frage, warum nicht jeder Mensch eine Depression bekommt. Die Ursache einer Depression als eigenständige Erkrankung ist durch viele Faktoren bedingt, d. h. sowohl von genetischen als auch von sozialen und Umweltfaktoren abhängig. Die Fortschritte in der Molekulargenetik in den letzten Jahren haben viel Licht in bisher unklare Krankheitsentwicklungen gebracht. Krankheitsverursachende Mutationen (Veränderungen des Erbgutes) oder Veranlagungen für gewisse Krebsarten oder Erbkrankheiten können mittels genetischer Untersuchungen heute zuverlässig nachgewiesen werden. Auch bei der primären Depression werden genetische Faktoren ursächlich diskutiert.
Diese Möglichkeit kann man sicher auch auf die Parkinson-Depression übertragen. Es muss jedoch auch noch andere, uns unbekannte Gründe geben, da es ein Risikoprofil für die Entwicklung einer Depression bei Morbus Parkinson gibt:

Risikofaktoren für die Entwicklung einer Depression bei Morbus Parkinson
(nach Klein 2004)

  • Junges Alter bzw. früher Krankheitsbeginn des Morbus Parkinson
  • Weibliches Geschlecht
  • Rechtsseitige Betonung der Parkinson-Symptomatik
  • Hypokinetisch-rigide Verlaufsform
  • Schwere der körperlichen Beeinträchtigung (Akinese)
  • Angst
  • Psychotische Symptomatik

So leiden jüngere Parkinson-Patienten etwa doppelt so häufig an Depressionen wie ältere Patienten. Die Depression tritt bei jüngeren Patienten oft bereits vor Auftreten der motorischen Krankheitszeichen auf und kann als Frühsymptom gewertet werden. Frauen mit Morbus Parkinson erkranken häufiger an Depressionen, ebenso Patienten mit hypokinetisch-rigider Verlaufsform ohne Zittern und Patienten mit rechtsseitiger Betonung der motorischen Symptome. Überdurchschnittlich häufig findet man eine familiäre Belastung mit depressiven Erkrankungen, was möglicherweise die oben angeführte These einer genetischen Komponente stützen könnte.

Wie sieht die Parkinson-Depression aus?

Die klinische Symptomatik der Parkinson-Depression ist durch Verlust der Lebensfreude, Hoffnungslosigkeit, emotionale Leere und Verlust von Initiative und Selbstwertgefühl gekennzeichnet. Es kommt häufiger als bei der primären Depression zu Angst, Panik, gereizter Verstimmung, Traurigkeit, Pessimismus und Suizidgedanken, seltener zu Schuldgefühlen und Suizidhandlungen. Das Vorhandensein einer Depression ist häufig weder dem Patienten noch seinen Angehörigen bewusst, sodass die Veränderung der Stimmungslage insbesondere bei jüngeren Patienten zu erheblichen familiären Konflikten führen kann. Erschwert wird die Diagnosestellung auch durch die Überschneidung von Symptomen der Depression mit denen der Parkinson-Erkrankung.

Wie wird eine Depression bei Morbus Parkinson diagnostiziert?

Zur Diagnosestellung werden neben einer ausführlichen Anamnese die Kriterien der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) herangezogen. Eine Reihe klinisch bewährter, gut geprüfter Selbstbeobachtungsverfahren und Fragebögen erlauben die Bestimmung des Schweregrades der Depressivität sowie die Dokumentation des Verlaufes der Erkrankung. Für die Parkinson-Depression geprüft und als geeignet befunden sind das Beck-Depressionsinventar (Beck 1961), die Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (Montgomery 1979) und das Neuropsychiatrische Inventar (Cummings 1997). Bei älteren Patienten wird in Studien auch die Geriatrische Depressionsskala verwendet:

Geriatrische Depressionsskala

  1. Sind Sie grundsätzlich mit Ihrem Leben zufrieden?
  2. Haben Sie viele Ihrer Aktivitäten und Interessen aufgegeben?
  3. Haben Sie das Gefühl, Ihr Leben sei unausgefüllt?
  4. Ist Ihnen oft langweilig?
  5. Sind Sie die meiste Zeit guter Laune?
  6. Haben Sie Angst, dass Ihnen etwas Schlimmes zustoßen wird?
  7. Fühlen Sie sich die meiste Zeit glücklich?
  8. Fühlen Sie sich oft hilflos?
  9. Bleiben Sie lieber zu Hause, anstatt auszugehen und Neues zu unternehmen?
  10. Glauben Sie, mehr Probleme mit dem Gedächtnis zu haben als die meisten anderen?
  11. Finden Sie, es sei schön, jetzt zu leben?
  12. Kommen Sie sich in Ihrem jetzigen Zustand ziemlich wertlos vor?
  13. Fühlen Sie sich voller Energie?
  14. Finden Sie, dass Ihre Situation hoffnungslos ist?
  15. Glauben Sie, dass es den meisten Leuten besser geht als Ihnen?

Für die Fragen 1, 5, 7, 11, 13 gibt es für die Antwort "nein", für die übrigen Fragen für die Antwort " ja " jeweils einen Punkt (Maximale Punktzahl 15).
Auswertung: 5 Punkte und mehr: Depression wahrscheinlich

Wie wird die Parkinson-Depression behandelt?

Grundlage einer jeglichen Behandlung ist ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, an welches sich eine Zusatzdiagnostik zur Einordnung der Art und Schwere der Depression anschließt. Danach wird über ein medikamentöses oder eher psychotherapeutisch orientiertes Konzept entschieden. An erster Stelle steht jedoch immer eine Überprüfung und Optimierung der Parkinson-Medikation. Auch sollten Medikamente für Begleiterkrankungen daraufhin überprüft werden, ob sie eventuell Depressionen auslösen oder unterhalten können.

Vor der Auswahl eines geeigneten Antidepressivums (AD) müssen folgende Parkinson-spezifische Besonderheiten Berücksichtigung finden:

  • Nebenwirkungsprofil des Antidepressivums
  • Schwere der Parkinson-Erkrankung
  • Schilddrüsenfunktion
  • Interaktionen mit der vorhandenen Anti-Parkinson-Medikation
  • unerwünschte Nebenwirkungen im motorischen/kognitiven Bereich

Zur Verfügung stehen zahlreiche Antidepressiva, welche je nach Wirkstoff mehr den Serotonin- oder den Noradrenalin-Stoffwechsel oder beide gleichzeitig beeinflussen. Von Bedeutung ist auch, ob der Patient unter Unruhe und Schlafstörungen leidet oder eher unter einer vermehrten Müdigkeit und Antriebsminderung. Je nach klinischer Symptomatik erfolgt dann der Einsatz eines beruhigenden und schlafanstoßenden oder eines anregenden und aktivierenden Antidepressivums. Auch auf eine zusätzlich bestehende Angststörung sollte Rücksicht genommen werden, da die angstlösende Wirkung der verschiedenen Antidepressiva unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Ausgewählte Antidepressiva zeigen besonders gute Eigenschaften in der Schmerzbehandlung und sollte bei Patienten mit vordergründigen körperlichen Beschwerden, wie z.B. Schmerzen, zum Einsatz kommen. Einige Dopaminagonisten haben in Studien einen besonders guten Effekt auf die typische Freud- und Lustlosigkeit der Parkinson-assoziierten Depression gezeigt und sollten bei depressiven Parkinson-Patienten anderen Dopaminagonisten vorgezogen werden.
Viele Patienten haben Angst vor Abhängigkeit und Sucht. Antidepressiva erzeugen keine Abhängigkeit und keine Sucht, sollten jedoch immer vorsichtig eindosiert und auch wieder schrittweise abgesetzt werden. Ein plötzliches Absetzen kann durchaus zu körperlichen Beschwerden und zu einem Wiederkehren der Depression führen. Die Wirkung einer antidepressiven Behandlung tritt erst nach 2 bis 4 Wochen ein, bei älteren Patienten kann es durchaus auch noch länger dauern. Man sollte also etwas Geduld aufbringen und das Medikament nicht wegen Wirkungslosigkeit nach 3 Tagen wieder absetzen. Nach 6 bis 8 Wochen ist eine gute Besserung der Symptome zu erwarten, trotzdem sollte sich die Behandlung über weitere 4 bis 6 Monate erstrecken, um einen Rückfall zu vermeiden.

Nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeiten der Parkinson-Depression

Bei schweren, therapieresistenten Depressionen kann trotz bestehendem Morbus Parkinson an die Möglichkeit einer Elektrokrampftherapie oder einer Vagusnervstimulation nachgedacht werden. In den letzten Jahren hat sich jedoch eher die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) einen festen Platz in der antidepressiven Behandlung erobert. Nach eigenen Erfahrungen ist der Einsatz bei therapierefraktären Depressionen bei Parkinson-Patienten gut verträglich (kurzzeitig kommt es auch zu einer Besserung der motorischen Symptome) und führt zu einer besseren Ansprechbarkeit auf die antidepressive Therapie.

Lichttherapie
Jahreszeit-bedingte Depressionen, oder auch Herbst-Winter-Depressionen genannt, sprechen gut auf eine Behandlung mit Licht an. Die Wirkung auf andere Depressionsformen ist noch unklar. Da sich Parkinson-Patienten auch bezüglich ihrer Grunderkrankung in den Wintermonaten eher schlechter fühlen, könnte eine unterstützende Lichttherapie einen positiven Effekt haben. Auch ähneln die Besonderheiten der Winterdepression der Depression bei Morbus Parkinson.

Psychotherapie
Die besten psychotherapeutischen Ansätze sind die kognitive Verhaltenstherapie (bewusstes Umgestalten falscher Denkmuster und Verhaltensweisen), Strategien zur Stressbewältigung und Entspannungsverfahren. Gruppentherapien, individuelle Beratung, Entspannungsverfahren und Training sozialer Fertigkeiten verbessern die Lebensqualität und den Verlauf der Erkrankung. Der Schweregrad der Behinderung und Besonderheiten des Verlaufes der Parkinson-Krankheit sind zu berücksichtigen und die Frage zu klären, welche innere Bereitschaft angesichts dieser Situation bei dem Patienten vorliegt, sich auf eine Psychotherapie einzulassen.

Entspannungstherapie
Besonders geeignet sind Entspannungsverfahren, welche auch in der Therapie der motorischen Krankheitssymptome eine gute Wirkung zeigen, z.B. die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, ein Muskelentspannungstraining, das autogene Training oder besondere Atemtechniken.

Kreative Therapie
Die Kunst- und Musiktherapie ermöglichen dem depressiven Parkinson-Patienten, sich über andere Zugangswege Klarheit über seine innere Befindlichkeit zu schaffen. Viele Patienten entdecken hier ungeahnte eigene künstlerische Fähigkeiten, welche ihnen zu einem neuen Selbstbewusstsein verhelfen. In Bildern oder mit Hilfe der Musik können Stimmungen und Gefühl zum Ausdruck gebracht und anderen mitgeteilt werden.
Insbesondere Musik hat außerdem noch einen weiteren, sehr positiven Einfluss auf Parkinson-Patienten. Ähnlich wie Drogen können bestimmte Arten von Musik, aber auch Lachen oder Sport, die Produktion von Dopamin im Gehirn anregen.

Zusammenfassung

Depressionen gehören zu den häufigsten nichtmotorischen Störungen bei Morbus Parkinson. Sie sind hartnäckig, oft mit Angststörungen kombiniert, können zu Gedächtnisstörungen führen und haben unabhängig von der motorischen Behinderung einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten und deren Angehörige. Durch die Überlappung einzelner Symptome einer Depression mit Parkinson-Symptomen wird die Diagnostik erschwert und die Depression oft nicht erkannt. Unkontrollierte Studien und klinische Erfahrungen zeigen, dass eine antidepressive Behandlung gut toleriert wird und effektiv ist. Wenn also trotz optimierter Therapie der motorischen Parkinson-Symptome weiterhin Zeichen einer depressiven Stimmungslage bestehen bleiben, ist der Einsatz eines Antidepressivums in Kombination mit psychotherapeutischen- oder Entspannungsverfahren sehr zu empfehlen.

November 2009 | Dr. Ilona Csoti und Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

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