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Leben mit Parkinsonkranken – Teil 3: Hilfestellung zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten

Stand Januar 2013 | Gabriele Blaeser-Kiel

Modifiziert nach einer Broschüre von Tobias Mai, Diplom Pflegewirt Parkinson

älteres Paar

Zu den wahrscheinlich größten Belastungsproben im Zusammenleben mit einem Parkinsonkranken zählen die im Verlauf möglicherweise auftretenden Verhaltensauffälligkeiten wie beispielsweise:

  • Halluzinationen,
  • Vergesslichkeit,
  • Demenz,
  • Unruhe und Bewegungsdrang,
  • Weglauftendenzen,
  • Wahnideen und Psychosen,
  • Aggressionen.

Diese auch von den Betroffenen meist als sehr einschneidend erlebten Symptome können sowohl Merkmale der Parkinsonkrankheit als auch Nebenwirkungen der Medikation sein. Bei ersten Anzeichen sollten Sie daher unbedingt Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen halten. Dies gilt gleichermaßen bei Hinweisen auf

  • enthemmtes Verhalten und gesteigertes sexuelles Verlangen sowie
  • gestörte Impulskontrolle mit Spiel- und Kaufsucht oder mit dem Drang zu anderen abnormen/sinnlosen Handlungen.

Halluzinationen ernst nehmen, aber nicht „einsteigen“

Unter Halluzinationen versteht man Sinnestäuschungen. Das heißt, die Betroffenen sehen nicht vorhandene Gegenstände, Tiere oder Menschen (visuelle Halluzinationen). Seltener hören die Betroffenen Stimmen oder Geräusche, die nicht real sind (akustische Halluzinationen).

In vielen Fällen deuten sich Halluzinationen durch unruhigen Schlaf mit lebhaften Träumen oder Albträumen mit Verwirrung beim Aufwachen an. Andere Vorboten sind das Empfinden vorbeihuschender Schatten oder die Verkennung von Gegenständen. Die meisten Parkinsonkranken können sich von diesen Halluzinationen distanzieren und wissen, dass die visuellen oder akustischen Wahrnehmungen nicht wirklich da sind.

Da Halluzinationen auch Nebenwirkungen der Therapie sein können, sollte unbedingt der behandelnde Arzt informiert werden, damit er gegebenenfalls die Medikation verändern kann. Ansonsten gilt im Umgang mit dem Betroffenen:

  • Nehmen Sie die Äußerungen ernst, aber steigen Sie nicht mit in die Halluzinationen ein.
  • Bleiben Sie ruhig und erklären Sie, dass die Sinneswahrnehmung nicht real ist.
  • Versuchen Sie, Ängste zu nehmen und eine vertrauensvolle Situation zu schaffen (Ablenkung, Ortswechsel oder ähnliches).
  • Achten Sie darauf, dass die Räume hell ausgeleuchtet sind.

Verlangsamtes Denken und starre Mimik sind keine Anzeichen von Demenz

Im Verlauf der Parkinsonerkrankung entwickeln einige Betroffene kognitive Defizite. Meist sind das Schwierigkeiten im Planen und Handeln sowie Erinnern und Merken. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes verlangsamte Denken und jede Vergesslichkeit Anzeichen einer Demenz sind. Ob es sich bei der Störung der Hirnfunktionen wirklich um eine „Demenz“ handelt, kann nur der Arzt anhand bestimmter Kriterien beurteilen.

Zur Verbesserung des kognitiven Leistungsvermögens und Verzögerung einer dementiellen Entwicklung können neben einigen Medikamenten auch spezielle Trainingsprogramme beitragen. Dabei werden Parkinsonkranken und Angehörigen auch Bewältigungsstrategien vermittelt, wie sich der Familienalltag trotz kognitiver Einschränkungen des Betroffenen leichter meistern lässt.

Förderlich auf Informationsverarbeitung, Gedächtnisleistung und andere kognitiven Fähigkeiten wirkt sich eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme aus. Achten Sie auch auf die regelmäßige Medikamenteneinnahme!

Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben

Vergesslichkeit und Demenz fallen nicht nur dem Umfeld, sondern auch dem Parkinsonkranken selbst auf. Häufig ist der Betroffene durch die wahrgenommenen Veränderungen sehr verunsichert. Dies kann dazu führen, dass er sich zurückzieht und an Selbstwertgefühl verliert. Um eine gute Grundlage im Umgang mit dem Betroffenen zu schaffen, sollten Sie mit Wertschätzung ihm gegenüber und mit Akzeptanz der Erkrankung gegenüber handeln. Es ist zudem wichtig, dass Sie ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln.

Denken Sie daran, dass es sich bei dem Betroffenen trotz aller kognitiven Defizite um einen erwachsenen Menschen mit einer eigenen Persönlichkeit handelt!

Wichtige Hinweise bezüglich der Sicherheit im Leben mit Demenzkranken erhalten Sie beispielsweise bei der Deutschen Alzheimergesellschaft (www.deutsche-alzheimer.de) oder in Broschüren des Bundesministeriums für Gesundheit (www.bmg.bund.de).

Kommunikation ohne ständige Fehlerkorrektur

Missverständnisse, Aggression und Rückzug des kognitiv eingeschränkten Parkinsonkranken lassen sich vermeiden, wenn bei der Kommunikation einige einfache Regeln beherzigt werden:

  • verhindern Sie, dass mehrere Gesprächspartner durcheinander sprechen,
  • lassen Sie dem Betroffenen Zeit zu antworten,
  • vermeiden Sie Diskussionen,
  • lenken Sie ihn ab, anstatt seine Fehler zu korrigieren,
  • reagieren Sie nicht auf Vorwürfe,
  • geben Sie einfache Anweisungen ohne verschachtelte Sätze,
  • nutzen Sie Ja-/Nein-Fragen,
  • sparen Sie nicht mit Lob - Betroffene brauchen Erfolgserlebnisse!

Klare zeitliche und räumliche Strukturen

Mit folgenden Vorgehensweisen kann man einem Parkinsonkranken mit Defiziten beim Merken und Erinnern die Orientierung erleichtern:

  • Tagesablauf mit festen Gewohnheiten,
  • an die Fähigkeiten angepasste Beschäftigungen,
  • möglichst keine räumlichen Veränderungen,
  • helle Räumlichkeiten,
  • nächtliches Licht oder Bewegungsmelder,
  • einfache Markierungen an Türen wie Bad und Toilette.

Ablenkung manchmal hilfreicher als Überzeugung

Im täglichen Umgang mit vergesslichen oder gar dementen Parkinsonkranken ist Ablenkung manchmal der einfachste Weg, um den Alltag zu bewältigen. Dies gilt vor allem bei starker Unruhe und ausgeprägtem Bewegungsdrang. Möchte ein Betroffener zur Arbeit gehen oder die Tochter besuchen, lässt er sich häufig kaum davon abbringen. Es hilft wahrscheinlich auch wenig zu erklären, dass ein 72-Jähriger im Ruhestand ist oder dass die Tochter zurzeit nicht zu Hause ist. Wie man es schafft, durch Ablenkung den Betroffenen von seinem Vorhaben abzubringen, veranschaulicht die Vorgehensweise von Herrn P:

Herr P. wird eines Morgens gegen 5.00 Uhr wach, weil er Geräusche aus der Küche hört. Die Betthälfte neben ihm ist leer. Auf der Suche nach seiner (parkinsonkranken und kognitiv eingeschränkten) Frau geht er in die Küche. Seine Frau steht im Nachthemd am Küchentisch und belegt Brote. Auf die Frage, was sie denn um diese Uhrzeit hier mache, entgegnet sie ganz selbstverständlich, sie müsse seine Arbeitsstullen schmieren. Herr P. überlegt kurz und erinnert sich, dass er sie bereits letzte Woche in ähnlicher Situation nicht davon überzeugen konnte, dass er bereits seit fünf Jahren in Rente ist. Er gibt an diesem Morgen vor, er habe heute Urlaub, um mit ihr etwas Schönes zu unternehmen. Er entschuldigt sich, dass er ihr nichts davon gesagt hat. Beide lächeln sich an. Frau P. fragt noch, was sie denn machen wollen und auf dem Weg ins Schlafzimmer ist die Situation bereits entspannt.

Bei Wahnideen und Psychosen hilft manchmal eine Medikamentenumstellung

Als Nebenwirkung der medikamentösen Therapie treten insbesondere bei Parkinsonkranken mit Demenz gelegentlich Wahnideen und Psychosen auf. Diese Realitätsverkennungen können kürzer oder länger anhalten und sollten dem behandelnden Arzt berichtet werden, damit er entsprechende Gegenmaßnahmen veranlassen kann. Ausdruck sogenannter inhaltlicher Denkstörungen sind unter anderem Vergiftungs- und Verfolgungswahn, nicht selten aber auch Eifersuchtswahn wie das Beispiel des Ehepaars S. zeigt.

Herr und Frau S. sind seit 26 Jahren verheiratet. Herr S. ist seit sieben Jahren an Parkinson erkrankt und musste bereits mit sechzig Jahren berentet werden. Frau S. geht fünfzehn Stunden die Woche arbeiten. Seit einiger Zeit ruft Herr S. seine Frau während ihrer Arbeitszeit mehrmals auf dem Mobiltelefon an. Da sie in einem Bekleidungsgeschäft arbeitet und Kundenkontakt hat, sind diese Anrufe manchmal unpassend. Frau S. ist dann sehr kurz angebunden oder muss den Anruf gar ablehnen. Meist ruft sie zurück, sobald es etwas ruhiger im Geschäft ist. Trotz der Erklärungen zu Hause vermutet Herr S., dass seine Frau ihm etwas verheimlicht - nämlich ein Verhältnis mit ihrem Chef. Er begründet seine Annahme damit, dass sich seine Frau in letzter Zeit besonders hübsch macht für die Arbeit. Zudem hat er Telefonate zu Hause belauscht und von „geheimen Verabredungen“ mitbekommen. Herr S. ruft mittlerweile im Geschäft selber an, um zu überprüfen, ob seine Frau auch wirklich vor Ort ist. Die Kolleginnen bestätigen das zwar, können sie aber nicht immer sofort ans Telefon holen.

Das Paar streitet nun oft über diese Situationen. Denn Frau S. ist dieses Nachspionieren an ihrer Arbeitsstelle sehr unangenehm, zumal ihre Kolleginnen immer wieder von Herrn S. ausgefragt werden. Sie kann das Verhalten ihres Mannes auch nicht verstehen. Dieses Unverständnis veranlasst Herrn S. noch mehr zu glauben, dass seine Frau eine Affäre hat und dabei von ihren Kolleginnen im Geschäft gedeckt wird. Da Frau S. keine Möglichkeit mehr sieht, mit ihrem Mann „normal“ über dieses Eifersuchtsverhalten zu reden, sucht sie zunächst emotionale Unterstützung bei Freunden und Rat in der Selbsthilfegruppe. Durch diese bestärkt, bittet sie dann den behandelnden Arzt um Hilfe. Dieser erklärt ihr, dass dieser Eifersuchtswahn eine Nebenwirkung der Therapie sein kann. Gemeinsam planen sie, eine Medikamentenumstellung beim anstehenden Arztbesuch mit Herrn S. zu besprechen.

Aggressionen durch beruhigenden und zwangfreien Umgang vorbeugen

Menschen, die einen Wahn oder eine Psychose entwickeln, haben in ihrem Denken und Handeln keinen Realitätsbezug. Um der Entwicklung von Aggressionen und einer daraus möglicherweise resultierenden Eigen- oder Fremdgefährdung vorzubeugen, ist es wichtig, in diesen Situationen einen beruhigenden Umgang mit dem Betroffenen zu finden:

  • Ängste wahrnehmen und ernst nehmen.
  • Aufmerksam zuhören, aber nicht zustimmen.
  • Auf Ursachen der Fehlwahrnehmung hinweisen (Nebenwirkungen von Medikamenten).
  • Handlungen als Vorschlag formulieren (Körperpflege, Essen, Trinken, Medikamenteneinnahme).
  • Möglichst keine Kritik üben.
  • Handlungen immer ankündigen, dabei enge Situationen vermeiden (räumlich, körperlich).
  • Nichts gegen Widerstand durchsetzen.
  • Keinen Überzeugungsdruck aufbauen, vielmehr Brücke zum eigenen Rückzug bauen.
  • Reizüberflutung meiden, möglichst nur einen Ansprechpartner in der Situation haben.

Konfliktpunkt Körperpflege: Vorschläge machen, statt überreden

Ein heikles Thema ist häufig die Körperpflege. Da verliert man als Angehöriger auch schon mal die Geduld und übernimmt einfach das morgendliche Waschen, Kämmen oder Rasieren. Eine solche Unterstützung lehnen doch manche Betroffenen kategorisch ab und reagieren stattdessen misstrauisch oder sogar aggressiv. Wie sich solche Konflikte umgehen lassen, verdeutlichen die Erfahrungen der Familie K:

Der parkinsonkranke Herr K. lebt allein. Früher wurde er von den Töchtern mehrmals täglich besucht und versorgt. Mehrmalige Versuche, ihn von der Notwendigkeit der morgendlichen Körperpflege zu überzeugen, endeten in einem aggressiven Abwehrverhalten. In ihrer Verzweiflung beauftragten die Töchter einen Pflegedienst. Doch auch gegenüber der Pflegekraft, die nun jeden Morgen kam, war Herr K. zunächst sehr abweisend eingestellt. Die Pflegekraft leitete Herrn K. jedoch nach und nach immer mehr an, so dass er sich nach einer Zeit mit Anreichungen allein versorgen konnte. Am Ende seiner Morgentoilette formulierte die Pflegekraft dann „Vorschläge“, einige Pflegemaßnahmen „nachzuarbeiten“. Sie sagte zum Beispiel: „Hier an der Wange - das ist für Sie schlecht zu sehen - stehen noch ein paar Haare. Wenn Sie wollen, gehe ich da mit dem Rasierer noch einmal kurz darüber.“ Diese Vorschläge nahm Herr K. immer häufiger an und trug seinen Teil zur Pflege bei. Insbesondere durch das Rasieren fühlte er sich als selbstbestimmender, erwachsener Mann. Durch die Formulierung als „Vorschlag“ bleibt die Entscheidung, Hilfe anzunehmen, bei ihm. Heute wechseln sich Töchter und Pflegedienst bei der Unterstützung ab.

Konfliktpunkt Medikamenteneinnahme: indirekt statt direkt erinnern

Zündstoff für Missverständnisse zwischen Parkinsonkranken und seinen Angehörigen kann auch die regelmäßige Medikamenteneinnahme bieten. Herr D. hat eine Strategie entwickelt, wie er solche brenzligen Situationen gar nicht erst aufkommen lässt:

Frau D. ist seit vielen Jahren an Parkinson erkrankt und bemerkt selbst eine zunehmende Vergesslichkeit und Probleme beim Konzentrieren. Herr D. achtet mehr und mehr auf die zeitgenaue Medikamenteneinnahme. Immer wieder kommt es aber zu aggressivem Verhalten seiner Frau, wenn er sie an die Einnahmezeiten erinnert. Sie wisse schon selber ganz genau, wann sie Tabletten einnehmen müsse. Sie brauche keinen Aufpasser. Herr D. bemerkte einen Vorteil darin, seine Frau nicht zu ermahnen, die Medikamente einzunehmen, sondern ihr gleichzeitig einen Grund für das Vergessen anzubieten, der nichts mir ihrer Vergesslichkeit zu tun hat. So sagt er beispielsweise: „Oh, durch das Essenkochen verging die Zeit ja wie im Fluge, es ist schon 12 Uhr und die nächste Tabletteneinnahme ist schon wieder dran“ statt: „Es ist schon 12 Uhr, denkst du an deine Tabletten?“.

Stand Januar 2013 | Gabriele Blaeser-Kiel