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Ernährung bei der Parkinson-Krankheit

Stand August 2012 | Angelika Raff, Ernährungsberaterin

Einleitung

Frühstückstisch

Obwohl in einigen Ländern sogar Dosennahrung für Parkinson-Patienten hergestellt wird, müssen wir vorausschicken, dass es keine spezifische Diät für die Parkinsonkrankheit gibt. Aufgrund der heutigen Erkenntnisse ist es auch nicht möglich, mit einer bestimmten Diät das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten. Trotzdem sollte auf einen abwechslungsreich gestalteten Speiseplan geachtet werden, um eine adäquate Nährstoffversorgung zu gewährleisten.

Es gibt aber einige Besonderheiten der Ernährung von Parkinson-Patienten, die im Folgenden erörtert werden sollen.

 

Interaktion zwischen L-Dopa und Eiweiß

Ein bedeutendes Problem ist die Interaktion (Wechselwirkung zw. zwei od. mehr Arzneimitteln i. S. einer quantitativen [Abschwächung od. Verstärkung] od. qualitativen Änderung der Wirkung bei gleichzeitiger od. nacheinander verabreichter Arzneimittelgabe) zwischen L-Dopa-haltigen Medikamenten und der Eiweißaufnahme.

Die mit L-Dopa behandelten Parkinson-Patienten können in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung, das heißt nach Auftreten von Wirkungsfluktuationen, eine Interaktion mit eiweißhaltiger Nahrung entwickeln. Aufgrund dieser Tatsache kam die Eiweißrestriktion bei gleichzeitiger L-Dopa-Behandlung ins Gespräch. Wir müssen aber betonen, dass eine eiweißarme Diät nicht notwendig bzw. sogar schädlich ist.

Die Interaktion zwischen L-Dopa und Eiweißaufnahme basiert auf folgenden Tatsachen:

  1. L-Dopa hat eine sehr kurze Halbwertzeit im Blut. Demzufolge ist der sog. Plasmaspiegel von L-Dopa sehr schwankend. Die Resorption (Aufnahme, Aufsaugung) von L-Dopa erfolgt im Dünndarm. Bei Magenentleerungsstörungen ist die Wirkung von L-Dopa herabgesetzt.
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  3. L-Dopa ist eine Aminosäure à (Carbonsäuren mit Aminogruppe(n); i. e. S. die 20 proteinogenen Alphaaminocarbonsäuren, die die Primärstruktur der Peptide u. Proteine bilden; außer Glycin liegen sie in L-Form vor), die Resorption von L-Dopa aus dem Dünndarm bzw. das Eindringen ins Gehirn durch die Bluthirnschranke (Bluthirnschranke bezeichnet das Hindernis, das Stoffe beim Übertritt vom Blut in die Nervenzelle zu überwinden haben. Dies gilt besonders für das Gehirn. Die Bluthirnschranke erschwert z. B. den Übergang von Pharmaka in das Gehirn.) wird durch Transportmechanismen gesichert. Diese sind sehr schnell zu sättigen. Wenn gleichzeitig andere Aminosäuren in größeren Mengen vorhanden sind – bei gleichzeitiger Eiweißaufnahme ist dies der Fall – besteht eine Interaktion zwischen L-Dopa und den anderen Aminosäuren. Es wird weniger L-Dopa aufgenommen, dementsprechend steht im Gehirn weniger Dopamin zur Verfügung. Die Wirkung der L-Dopa-Dosis ist geringer oder der Patient registriert gar keine Wirkung.

Um diese Interaktion zu vermeiden wird empfohlen, dass die L-Dopa-Dosis eine Stunde vor oder 1,5 Stunden nach der Nahrungsaufnahme genommen wird.

Von dieser Empfehlung gibt es einige Ausnahmen:

  1. Patienten, die diese sogenannte „Eiweiß-Akinese“ nicht haben.
  2. Patienten, bei denen die nüchtern genommene L-Dopa-Dosis Brechreiz, Magenbeschwerden auslöst. Diese letzteren Patienten können vor der Einnahme von L-Dopa z. B. ein Stück Keks zu sich nehmen. Wenn dies nicht hilft, dann soll L-Dopa während der Mahlzeit genommen werden. Auch Medikamente wie z. B. Domperidon können den Brechreiz verschwinden lassen und gleichzeitig die Magenentleerung und dadurch die Resorption von L-Dopa beschleunigen.
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  4. Einige Patienten entwickeln sehr starke Überbewegungen, wenn sie L-Dopa nüchtern nehmen. Diese Patienten sollten L-Dopa während der Mahlzeiten nehmen.

Es gibt einige Patienten, die nach der Hauptmahlzeit in den frühen Nachmittagsstunden eine starke Akinese (Off-Phase) haben. Diese Patienten sollten versuchen, die Mahlzeiten tagsüber eiweißarm zu gestalten und die ganze notwendige Eiweißmenge beim Abendessen zu sich zu nehmen.

Es ist auch bekannt, dass Kohlenhydrate (Kohlenhydrate [Kohlenstoffhydrate, Saccharide] eine Sammelbezeichnung für eine weitverbreitete Gruppe von Naturstoffen, zu der alle Zucker,- Stärke- und Cellulosearten gehören) in der Resorption von L-Dopa eine Rolle spielen, sie können die L-Dopa-Aufnahme ins Gehirn fördern. Die erhöhte Kohlenhydratgabe ist besonders empfohlen, wenn der Patient Gewichtsverlust hat (z.B. beim Auftreten von starken Hyperkinesen). Eine kohlenhydratreiche und eiweißarme Diät kann aber zur Verstärkung der Hyperkinesen (pathologisch gesteigerte Motorik v. a. der Skelettmuskulatur mit z. T. unwillkürlich ablaufenden Bewegungen) führen.

Eine wichtige Rolle spielt in der Wirksamkeit von L-Dopa die Magenentleerung. Je länger das L-Dopa im Magen bleibt, desto weniger L-Dopa steht für die Resorption im Dünndarm zur Verfügung. Zahlreiche Faktoren beeinflussen die Geschwindigkeit der Magenentleerung; z. B. erhöhte Magensäureproduktion wirkt verlangsamend. Medikamente z.B. die Anticholinergika können die Magenentleerung ebenso verlangsamen.

Entsprechende Medikamente gegen Magensäure und Medikamente, die die Magenentleerung beschleunigen – wie Domperidon – können die Wirkung von L-Dopa deutlich verstärken.

Untersuchungen haben gezeigt, dass L-Dopa nüchtern eingenommen am schnellsten wirkt. Auflösbare L-Dopa-Präparate können diese Wirkung noch deutlich beschleunigen. Bei der frühmorgendlichen Akinese (verzögertes Ingangkommen) und bei Resorptionsstörungen und Schluckstörungen aber auch bei der Eiweiß-Akinese kann die aufgelöste L-Dopa-Tablette hilfreich sein.

Eine weitere wichtige Medikamentengruppe sind die Dopamin-Agonisten, die den Dopaminmangel bei der Parkinson-Krankheit auf andere Weise ausgleichen als L-Dopa-Präparate. Deren Wirkung wird in der Regel nicht durch die Mahlzeiten oder eine eiweißreiche Kost beeinträchtigt.

Appetitlosigkeit - Übelkeit - Gewichtsverlust

Das Zittern, die Daueranspannung der Muskulatur und die Anstrengung, eine begonnene Bewegung zu Ende zu führen sowie die L-Dopa-ausgelösten Überbewegungen kosten viel Energie. Medikamente verursachen häufig Übelkeit, Brechreiz. Die Folge ist Gewichtsverlust. Zur Beeinflussung dieser Probleme gibt es einige Empfehlungen bezüglich der Nahrungsaufnahme:

  1. Essen Sie sechs bis sogar acht kleine Mahlzeiten über den Tag. Ein leerer Magen fördert Übelkeit, kleine Mahlzeiten können dies verhindern.
  2. Nicht zwingen, etwas zu essen; greifen Sie zu den Speisen, die Sie immer schon gerne gegessen haben.
  3. Alle lebensnotwendigen Nährstoffe sollten ausreichend mit der Nahrung zugeführt werden.
  4. Trockene Kräcker, Kekse oder Toast lindern Übelkeit. Essen Sie ein wenig davon, wenn es Ihnen übel ist.
  5. Bei Übelkeit eignen sich leicht verdauliche Mahlzeiten, z. B. gekochte Möhren, Reis, Bananen und Weißbrot.
  6. Meiden Sie stark fette, süße und sehr würzige Speisen. Statt dessen eignet sich Salziges, leicht Säuerliches und Mildes.
  7. Nehmen Sie sich Zeit – genießen Sie das Essen. Bewusstes Essen hilft, richtig zu essen. Auch das Auge isst mit. Lassen Sie sich Zeit beim Essen. Das macht Spaß, regt an, vielseitig zuzugreifen und fördert das Sättigungsempfinden.
  8. Die allgemeine Verlangsamung führt beim Essen häufig zum Auskühlen der Nahrung. Warmhalteteller oder die Möglichkeit, das Essen in der Mikrowelle erneut aufwärmen zu können, werden sehr hilfreich sein.

Verdauungsstörungen

Die krankheitsbedingte Darmträgheit, der Bewegungsmangel, die unausreichende Flüssigkeits-aufnahme und die Nebenwirkung der Medikamente bei Morbus Parkinson verursachen eine chronische Verstopfung.

Geeignete Gegenmaßnahmen sind:

  1. auf körperliche Bewegung achten
  2. Ballaststoffreich ernähren, z. B. mit Weizenkleie, Backpflaumen, Leinsamen, Vollkornnudeln, Erbsen, Rosenkohl, Schwarzwurzeln, Paprikaschoten
  3. Viel trinken, mindestens 2-3 Liter am Tag
  4. zur Stuhlregulierung Quellmittel mit viel Flüssigkeit (z.B. Macrogol) einnehmen.

Schluckstörungen

Bei Morbus Parkinson ist in fortgeschrittenen Fällen auch der Schluckvorgang erschwert. Hinzu kommt, dass auch das Kauen beeinträchtigt ist. Infolgedessen ist in solchen Fällen auf mundgerechte Kost zu achten. Besonders zu empfehlen sind:

Getreideprodukte

Kartoffeln

Toastbrot
Graubrot ohne Rinde
weichgekochte Nudeln
Grieß
Schmelzflocken
Milchreis
Butterkekse
Löffelbiskuits

Salzkartoffeln
Kartoffelpüree






Gemüse

Obst roh

Blumenkohl
Broccoli
Gurken ohne Schale und Kerne
Kohlrabi
Möhren
Rosenkohl
Rote Beete
Schwarzwurzeln
Sellerie
Spinat
Tomatenfleisch
Zucchini

Avocado
Birne
Nektarine
Pfirsich ohne Haut








Milch, Milchprodukte, Käse, Eier

Fleisch, Wurst

Milch
Milchmixgetränke
Buttermilch
Kefir
Joghurt
Quark
alle Sorten Käse bis auf Schmelzkäse
frisch zubereitetes Rührei

Geflügel
feine Bratwurst
Würstchen
Frikassee
Fleischwurst
Pastete
Teewurst
Leberwurst

Fisch

Gewürze

Schollenfilet
Kochfisch mit weichem Fleisch

süß-säuerliche
salzige

Getränke

Süßspeisen

Obstsäfte
Gemüsesäfte
Fruchtsäfte (angedickt)
Milch
Milchmixgetränke

Creme
Gelee
glatter Pudding
Grütze
Eis

Was soll man essen? Wie soll man essen?

Einige allgemeine Grundregeln, die beachtet werden sollten:

  • Reduzieren der Kalorienzufuhr auf Kosten tierischer Fette wie Fleisch, Wurst, Butter, Käse, Eigelb. Die hohe Fettzufuhr ergibt sich vor allem aus dem Anstieg des Verzehrs von versteckten Fetten. Deshalb muss neben den sichtbaren Fetten (wegschneiden) auch der Anteil der versteckten Fette beachtet werden. Wenn möglich Lebensmittel mit einem höheren Fettgehalt als 30% meiden.
  • Haushalts- und Traubenzucker meiden! Stärkehaltige Lebensmittel bevorzugen. Zucker, den unser Körper zur Energiegewinnung nicht benötigt, wird in Fett umgewandelt und im Fettgewebe abgelagert. Stärke bedeutet Getreide, Getreideprodukte, Kartoffeln, Gemüse. Bei diesen stärkehaltigen Lebensmitteln kommt es so zu einem langsameren Anstieg des Blutzuckerspiegels, d. h.: der Körper kann sich seine Energie dann abrufen, wenn er sie benötigt.
  • Das Essen auf mehrere kleinere Mahlzeiten verteilen. Zum Beispiel: Frühstück, Zwischenmahlzeit, Mittagessen, Zwischenmahlzeit, Abendessen.
  • Etwa 50 % der täglich zugeführten Gesamtkalorien sollten aus Kohlenhydraten (Kohlenhydrate [Kohlenstoffhydrate, Saccharide] eine Sammelbezeichnung für eine weitverbreitete Gruppe von Naturstoffen, zu der alle Zucker,- Stärke- und Cellulosearten gehören) bestehen. Lebensmittel in naturbelassenem Zustand haben eine besonders hohe Nährstoffdichte (hoher Gehalt an Vitaminen und Ballaststoffen).
  • Versorgen Sie den Körper mit Ballaststoffen aus Getreide und Gemüse. Ballaststoffe sind unverdaulich und bestehen aus pflanzlichen Fasern. Ihr Wert liegt vor allem in sättigender Nahrung, somit wird Übergewicht verhindert. Ballaststoffe sind aber auch wichtig zur Regulierung des Stuhlgangs: Vollkornbrot, Produkte aus vollem Korn, wir z. B. Vollkornreis, Vollkornnudeln, Müsli, Gemüse, Obst, Salat. Wichtig!
  • Wichtig ist auch die tägliche Flüssigkeitszufuhr. Darauf sollte besonders geachtet werden, auch wenn kein Durst verspürt wird. Im Durchschnitt wird eine reine Trinkmenge von 2 l täglich über den Tag verteilt als wünschenswert angesehen, da auch die Ballaststoffe als quellfähige, pflanzliche Fasern viel Flüssigkeit benötigen.
  • Tipp: der Anteil morgens kann höher sein als der Anteil abends. Den Getränkeplan abwechslungsreich gestalten, möglichst energiearm aber reich an Nährstoffen: Mineralwasser, Milch 1,5% Fett, Milchmixgetränke 1,5% Fett, verdünnte Obst- und Gemüsesäfte, Früchtetee.
  • Auf ausreichende Zufuhr von Eiweiß aus tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln achten. Als Faustregel kann gelten, dass die Hälfte des täglichen Bedarfs durch tierisches, die andere Hälfte durch pflanzliches Eiweiß gedeckt werden soll. Empfehlung: Erwachsene etwa 0,8 g/kg Körpergewicht. Bei älteren Menschen ist aus medizinischer Erfahrung ein etwas höherer Wert anzusetzen – etwa 1,1 bis 1,2 g/kg Körpergewicht. Die wichtigsten Eiweißquellen sind Milch, Milchprodukte (hohe Kalziumlieferanten, wichtig für die Stabilität der Knochen), Fisch, Fleisch, Eier.
  • Zu empfehlen sind fettarme Wurstsorten, Seefische, fettarme Milch- und Milchprodukte, Käsesorten mit niedrigem Fettgehalt. Vorsicht bei Eiern – haben einen sehr hohen Cholesteringehalt. Ein Ei deckt schon den täglichen Cholesterinbedarf eines Menschen ab.
  • Frisches Obst und Gemüse sollte ein täglicher Bestandteil des Speisezettels sein. Genießen Sie 5 Portionen Obst und Gemüse am Tag, möglichst frisch, kurz gegart oder auch als Saft – ideal zu jeder Hauptmahlzeit oder auch als Zwischenmahlzeit. Damit werden Sie reichlich mit Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen versorgt.
  • Eine schmackhafte und schonende Zubereitung ist für eine gesunde Ernährung sehr wichtig. Garen Sie die jeweiligen Speisen soweit es geht kurz, mit wenig Wasser und wenig Fett und bei möglichst niedrigen Temperaturen. Würzen Sie kreativ mit Kräutern und Gewürzen und wenig Salz.
  • Nehmen Sie sich Zeit – genießen Sie das Essen. Bewusstes Essen hilft, richtig zu essen. Auch das Auge isst mit. Lassen Sie sich Zeit beim Essen. Das macht Spaß, regt an, vielseitig zuzugreifen und fördert das Sättigungsempfinden.

Stand August 2012 | Angelika Raff, Ernährungsberaterin