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Parkinson und Kunst

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

35 Jahre sind seit der Einführung der ersten wirksamen Therapie der Parkinson-Krankheit vergangen. Die L-Dopa-Therapie, später die Dopamin-Agonisten und die anderen Behandlungsmöglichkeiten haben die Lebensqualität der Patienten hochgradig verbessert und die Lebenserwartung normalisiert. Die früher als "Schüttellähmung" bezeichnete Krankheit hat aus ihrem schrecklichen Ruf sehr viel verloren.

Es ist heute im allgemeinen möglich, dass die Parkinson-Kranken ihrem Beruf weiter nachgehen können und dass sie auch ihre Hobbys nicht aufgeben müssen. Erfreulicherweise erfahren wir aus Medienberichten immer wieder, dass bekannte Künstler trotz ihrer Erkrankung ihre künstlerischen Fähigkeiten erhalten. Andererseits erleben wir oft, dass kreative, positiv denkende Parkinson-Patienten durch neue künstlerische Aktivitäten neue Lebensinhalte finden.

Märchen-Buddha mit blauem Pferd

Dr. Wolfgang Götz: Märchen-Buddha mit blauem Pferd
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Die feinmotorischen Fähigkeiten der Kranken sind beeinträchtigt, auch das Zittern stört beim Arbeiten. Der Gesichtsausdruck und die Stimme verändern sich, im späteren Krankheitsverlauf treten Schwankungen der Medikamentenwirkung und Überbewegungen auf. Diese Erscheinungen führen dazu, dass die Umgebung dem Patienten – aber häufig auch er sich selbst – nichts mehr zutraut.

Die Konfrontation mit der Diagnose – ein tiefer Einschnitt in die bisherige Lebensplanung – verursacht bei den meisten Patienten ein seelisches Tief. Sie haben verständlicherweise starke Zukunftsängste, befürchten den Verlust der bisherigen Fähigkeiten und Lebensziele; jüngere Patienten auch den Verlust des Arbeitsplatzes und somit des Familieneinkommens. Alles was bis jetzt wichtig und erstrebenswert war, rückt plötzlich in unerreichbare Ferne.

Gesicht des Friedens

Ute Draese: Gesicht des Friedens
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Auch der durch die Krankheit entstandene Rollenwechsel in der Familie und im Freundes- und Kollegenkreis und der damit verbundene Verlust des Selbstwertgefühls trägt zur Vertiefung der pessimistischen, depressiven Grundhaltung vieler Patienten in dieser Anfangsphase der Krankheit bei. Das Gefühl der Wertlosigkeit, das negative Denken und der Antriebsmangel führen zur Isolation der Patienten in der Gesellschaft.

Die meisten Kranken überwinden diese schwere Phase der Krankheitsbewältigung verhältnismäßig schnell. Das erste Licht im Tunnel ist der Erfolg der eingeleiteten Therapie. Die Besserung der Symptome kann fast wie ein Wunder wirken. Die adäquate Parkinson-Therapie – und hier meine ich nicht nur die Tabletten, sondern auch eine die verlorenen Fähigkeiten wiederherstellende Begleittherapie und die psychische Unterstützung – verhelfen dazu, dass sich der Kranke mit der Krankheit und mit den krankheitsbedingten Einschränkungen des Lebens abfindet. Er wird dann seine Lebensziele und Lebenserwartungen, seine Arbeit, seine Hobbys und nicht zuletzt seinen Platz in der Familie und in seiner Umgebung neu ordnen. Das Suchen und Finden neuer Lebensinhalte ist sehr bedeutsam in diesem Bewältigungsprozess.

Perpetuum mobile

Anneliese Schmitz: Perpetuum mobile
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Während meiner jetzt 35-jährigen Tätigkeit in der Behandlung von Parkinson-Patienten hat mich die trotz Krankheit erhalten gebliebene und sich sogar weiterentwickelnde künstlerische Fähigkeit meiner Patienten immer wieder erstaunt. Die meisten Künstler, die sich nicht aufgaben, waren auch nach dem Auftreten der Krankheit in der Lage, weiterhin künstlerisch Wertvolles zu schaffen. Andererseits besonders erfreulich war zu sehen, dass Patienten, die früher künstlerisch nicht tätig waren, sich während der Krankheit der Kunst zuwandten. Die meisten von ihnen machten die erste Begegnung mit Kunst in der Beschäftigungstherapie. Sie lernten Materialien und Techniken kennen, die sie auch "ohne künstlerische Vergangenheit" zu kreativen Tätigkeiten und dadurch zu neuen Hobbys und sogar zu neuen Lebensinhalten führten.

Diese erfreulichen Erfahrungen waren der Hintergrund dafür, dass meine langjährigen Mitarbeiter und ich der sogenannten "Kreativitätstherapie" in der Parkinson-Behandlung eine besonders wichtige Rolle zuschrieben. Diese Therapie ist eine besondere Art der Beschäftigungstherapie, bei der neben der Wiedererlangung von Fingerfertigkeiten das Heranführen der Patienten an neue Tätigkeiten, Hobbys und gleichwohl an neue Lebensinhalte die wichtigste Rolle spielen.

Mensch unter Bäumen

Uwe Mandelartz: Mensch unter Bäumen
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Bilder aus der Stille

Um die Patienten weiter zu motivieren und die Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Kranken zu informieren, veranstalten wir in der Klinik jährlich mehrmals Vernissagen mit den Arbeiten der "Parkinson-Künstler". Einige der schönen Bilder und Gegenstände wurden von den Patienten der Klinik überlassen; diese sind in ständiger Ausstellung zu sehen.

Unter diesen Umständen kam uns schon vor geraumer Zeit der Gedanke, die künstlerischen Aktivitäten der Parkinson-Patienten für eine breitere Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dieses Vorhaben sollte neben dem Informationsgehalt den heutigen und zukünftigen Parkinson-Patienten als positives Beispiel dienen und ihnen Mut zu machen, das Leben mit der Krankheit zu meistern. Das Vorhaben konnte im Jahre 2001 in Form eines kleinen Kunstbuches endlich verwirklicht werden. Das Büchlein mit dem Titel "Bilder aus der Stille" wurde anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Selbsthilfeorganisation der Parkinson-Patienten, der Deutschen Parkinson-Vereinigung e.V. (dPV) den Parkinson-Patienten gewidmet und entstand unter der Mitwirkung der dPV, des Parkinson-Fördervereins e.V. in Leun und des Parkinson-Zentrums in Biskirchen.

 
Flamme

Regine Muelenz: Flamme
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

In dem Kunstbuch wurden Arbeiten von 50 Parkinson-Künstlern veröffentlicht. Die Bilder und Kunstgegenstände wurden von den Werken von mehr als 100 Parkinson-Patienten durch eine Jury ausgewählt. Die Jury arbeitete unter der Leitung von Herrn Dr. Wolfgang Götz, 1. Vorsitzender der dPV. Er war der Sachkundigste in der Jury: erstens als Künstler, zweitens als Betroffener.

Bei der Herausgabe des Buches schrieb Herr Friedrich Mehrhoff, Geschäftsführer der dPV folgende Zeilen: "Parkinson-Patienten werden oft als zurückgezogen, sozial und gesellschaftlich isoliert sowie depressiv beschrieben. Dieses Kunstbuch soll Ihnen zeigen, dass dieses Vorurteil nicht stimmt. Ich freue mich, dass es gelungen ist, hiermit erstmals einen Überblick über die künstlerischen Aktivitäten der Parkinson-Patienten zu geben und damit mit dazu beizutragen, dass bestehende Vorurteile abgebaut werden."

Einige Exemplare des Kunstbuches sind noch bei der dPV in Neuss und bei dem Parkinson-Förderverein e.V. in Leun erhältlich.

Kristallssteine

Jovanka Krsnic-Marinkovic: Kristallssteine
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Romantik

Inge Wagner: Romantik
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Rote Amaryllis

Peter Lavicka: Rote Amaryllis
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Rosenköpfchen

Angela-Maria Giertz-Birkholz: Rosenköpfchen
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Karikatur: Aufwachen, Sie bekommen noch eine Schlaftablette

Karl-Ernst Glanz: Karikatur
(aus Parkinson-Kunstbuch "Bilder aus der Stille")

Nach diesen Anfängen können wir jetzt erfreut registrieren, dass die Aktivität von "Parkinson-Künstlern" in Deutschland immer bekannter wird. In den letzten 3 Jahren wurden schöne Jahreskalender mit Bildern von Parkinson-Patienten veröffentlicht, die Bilder stammten von Patienten der verschiedenen Parkinson-Kliniken. Wenn wir im Internet stöbern, finden wir zahlreiche Hinweise auf Ausstellungen, Vernissagen und sogar Auktionen mit Werken von Parkinson-Patienten. Kunstausstellungen mit Parkinson-Kunst sind ständige Begleiter von internationalen Parkinson-Kongressen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die zahlreichen Informationen sehr viele der in Deutschland lebenden ca. 250.000 Parkinson-Patienten erreichen und ihnen Mut gibt, dem Beispiel der kreativ gebliebenen oder der kreativ gewordenen Mitpatienten zu folgen.

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen