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Nicht-motorische Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit

Dr. med. Ilona Csoti
Januar 2016

Heute möchte ich Ihnen einen Überblick über die sogenannten nicht-motorischen Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit geben. Zunächst einmal – wieso sind Parkinson-Patienten nicht nur in der Bewegung gestört, langsamer und steifer? Was haben Riechstörungen, eine nervöse Blase oder Höhenangst mit Parkinson zu tun?

Nun – bei Morbus Parkinson kommt es leider nicht nur zu einer Störung der Dopamin-Herstellung im Gehirn und damit zu einem Dopamin- und Bewegungsmangel. Auch viele andere Bereiche des Gehirns, des Rückenmarks und der peripheren Nervenverbindungen sind von der Erkrankung betroffen und können zu sehr komplexen Beschwerden führen, die von den Patienten zunächst gar nicht mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden. Weitere wichtige Botenstoffe (Neurotransmitter), wie z.B. das in der Schokolade enthaltene Glückshormon Serotonin, das Sie alle kennen, werden zunehmend zur Mangelware. Das Auftreten von Depressionen ist vorprogrammiert. Bei etwa 30 % der Patienten beginnt die Erkrankung z.B. mit einer Depression. Selbst Schlafstörungen können ein Frühsymptom der Erkrankung sein. Auch die chemischen Botenstoffe Noradrenalin (wichtig z.B. für den Blutdruck und das Herz-Kreislauf-Verhalten) und Acetylcholin (wichtig z.B. für das Gedächtnis) spielen eine ganz erhebliche Rolle für die Vielfalt der verschiedenen Krankheitssymptome. Das beim Gesunden harmonische und ausgewogene Verhältnis zwischen diesen Botenstoffen ist gestört, ähnlich einem aus dem Takt geratenen Uhrwerk.



Merke:
Neben dem Mangel an dem chemischen Botenstoff Dopamin sind bei Morbus Parkinson auch andere Neurotransmitter aus dem Gleichgewicht, z.B. Glutamat, Noradrenalin, Acetylcholin und Serotonin.



Häufig werden die nicht-motorischen Krankheitssymptome in große Untergruppen unterteilt, um einen besseren Überblick zu erhalten. So unterscheidet man Veränderungen der Psyche, des Schlafes, der Sinneswahrnehmungen, der inneren Organe und der Gedächtnisfunktionen. Dabei ist allein das vegetative Nervensystem verantwortlich für die Regulation von Herzschlag, Verdauung, Körpertemperatur, Schlaf, Atmung und Sexualität – alle Körperfunktionen, die wir nicht bewusst beeinflussen können. Es steuert die Hormondrüsen und wirkt beruhigend oder anregend auf unsere inneren Organe. Unbewusst reagiert jedoch das vegetative Nervensystem darauf, wie es uns geht. Ob wir Stress haben, unzufrieden oder unglücklich sind, fröhlich oder übermütig. Verliebte können ein Lied davon singen, sie haben „Schmetterlinge“ im Bauch und Herzklopfen kostenlos – der quicklebendige „sympathische“ Nerv des vegetativen Nervensystems, genannt Sympathikus, ist bei der Arbeit. Wie immer im Leben gibt es jedoch auch seinen Gegenspieler, den unsympathischen Nerv, genannt „Parasympathikus“. Beide Nerven sind natürlich wichtig, um ein gesundes Gleichgewicht im Körper zu erhalten. Beide sind bei Parkinson-Patienten durch die Krankheit in der Funktion gestört, das Uhrwerk tickt unregelmäßig, zu langsam, gar nicht oder zu schnell.



Merke:
Zu den nichtmotorischen Krankheitssymptomen gehören Veränderungen der Psyche, der Sinneswahrnehmungen, des Gedächtnisses und des vegetativen Nervensystems.



Das Wissen um diese nicht-motorischen Krankheitssymptome, ihre Erkennung und gezielte Behandlung ist ausgesprochen wichtig, da sie die Lebensfreude des Patienten erheblich einschränken können.

Bevor ich auf die einzelnen Symptome eingehe, möchte ich Ihnen zunächst die Vielfalt der möglichen Parkinson-bedingten nicht-motorischen Symptome vorstellen:


Störungen vegetativer Funktionen
Das vegetative Nervensystem beeinflusst wichtige Funktionen in unserem Körper, welche nicht willkürlich steuerbar sind. Es steuert Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Charakteristische vegetative Störungen bei Parkinson sind:

  • Niedriger Blutdruck, oft kombiniert mit einem Abfall des Blutdrucks nach dem Aufstehen oder nach einer Mahlzeit (Schmerzen im Nacken, Ohnmachtsanfälle)
  • Verzögerte Magen-Darm-Entleerung mit Völlegefühl und Übelkeit nach einer Mahlzeit
  • Verstopfung
  • Nervöse Reizblase mit häufigem Wasserlassen, nicht unterdrückbarem Harndrang u. Inkontinenz
  • Verminderte Gliedversteifung (Erektion)
  • Gestörte Atem- und Wärmeregulation
  • Schlafstörungen
  • Erhöhte Tagesmüdigkeit
  • Erschöpfbarkeit (Fatigue)
  • Vermehrter Speichelfluss
  • Erhöhte Talgproduktion der Gesichts- und Kopfhaut mit schuppender Hautentzündung
  • Trockenes Auge
  • Tropfnase


Veränderungen der Sinnesorgane
Auch Funktionen der Sinnesorgane können bei Parkinson verändert sein, die Riechstörung z.B. gehört sogar zu den frühesten Krankheitssymptomen:

  • Nachlassen oder Veränderung des Riechvermögens oder völliger Riechverlust
  • Nachlassen der Geschmacksempfindung (verdorbene/versalzene Speisen werden nicht erkannt)
  • Verschwommensehen, Doppelbilder, vermindertes Kontrastsehen
  • Erhöhtes Schmerzempfinden


Veränderung der Stimmung und des Verhaltens
Jeder zweite Parkinson-Patient entwickelt im Verlauf seiner Krankheit eine depressive Episode; aber auch Höhenangst, Platzangst und/oder Panikattacken können auftreten:

  • Vermindertes Empfinden von Freude (Anhedonie)
  • Depressionen
  • Angst mit oder ohne Panikattacken
  • Zwangsstörungen
  • Impulskontrollstörungen (Spielsucht, Sexsucht etc.)
  • Wahrnehmungsstörungen (Halluzinationen)
  • Denkstörungen (Wahn)
  • Psychosen


Veränderung der Gedächtnisleistungen
30 bis 40 % der Patienten mit Parkinson entwickeln im Verlauf der Krankheit eine Demenz. Bereits im Vorfeld können folgende Störungen der Kognition auftreten:

  • Kurzzeitgedächtnisstörungen
  • Langsames Denken
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Einschränkung der räumlichen Orientierung
  • Planen und Handeln verlangsamt und erschwert
  • Multitasking eingeschränkt oder unmöglich (mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen)


Zur Erfassung dieser nicht-motorischen Störungen steht der NMSQuest zur Verfügung. Dabei steht NMS für „Nicht-Motorische-Symptome“, Quest ist die Abkürzung von Questionnaire, das englische Wort für Fragebogen. Es handelt sich um einen Screening-Fragebogen für Patienten, auf dem 30 nicht-motorische Krankheits-Symptome in Form einer Checkliste mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. PC-Begeisterte können sich den Fragebogen unter folgendem Link ansehen: http://www.pdnmg.com/nms-tools.htm. Patienten ohne PC können sich gern an mich wenden, ich kann Ihnen den Fragebogen zusenden: ilona.csoti(at)parkinson.de.