zur Startseite

Nicht-motorische Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit: Kreislaufstörungen

Dr. med. Ilona Csoti
April 2016

Nachdem ich im Februar über die große Vielfalt nicht-motorischer Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit berichtet habe, möchte ich in den nächsten Monaten auf einige dieser Symptome näher eingehen und Ihnen Möglichkeiten der Behandlung vorstellen.

Arterielle Hypotonie (niedriger Blutdruck)

Foto © E. Wobst/Csoti


Typischerweise ist der Blutdruck (RR) bei Parkinson-Patienten eher niedrig, lateinisch "Hypotonie" genannt. Ursächlich kommen die Krankheit selbst aber auch Nebenwirkungen der Parkinson-Medikamente in Frage. Ausnahmen gibt es dann, wenn ein Bluthochdruck als Begleiterkrankung auftritt.
Der niedrige Blutdruck kann unter anderem mit dafür verantwortlich sein, dass es für Patienten frühmorgens problematisch ist in Schwung zu kommen, sie sich benommen und schwindlig fühlen oder zu kalten Händen und/oder Füßen neigen.



Definition:
Arterielle Hypotonie
Frauen < 100/60 mmHg
Männer < 110/70 mmHg

WHO



Bei jeder Blutdruckmessung werden zwei Werte angegeben. Der erste Wert misst den systolischen arteriellen Druck, welcher durch die Auswurfkraft des Herzens erzeugt wird. Der zweite Wert misst den diastolischen arteriellen Druck, er entspricht dem Dauerdruck im Gefäßsystem.

Orthostatische Hypotonie (OH) (niedriger Blutdruck nach dem Aufstehen)

Etwa 30 % aller Parkinson-Patienten leiden aufgrund einer gestörten Blutdruckregulation an einem niedrigen Blutdruck beim Aufstehen aus einer liegenden Position, orthostatische Hypotonie genannt. Ursache ist ein Versacken des venösen Blutes aus den Beinen und aus dem Bauchraum nach dem Aufstehen (postural). Der Blutdruck in Ruhe kann dabei ganz normal sein, er ist für diese Diagnose nicht entscheidend.



Definition:
Neurogene orthostatische Hypotonie
Abfall des 1. Wertes (Systole) um ≥ 20 mmHg und/oder
Abfall des 2. Wertes (Diastole) um ≥ 10 mmHg
innerhalb der ersten 3 Minuten nach dem Aufstehen
im Vergleich zu den Ruhewerten nach 4 Minuten Liegen



Schwindel nach dem Aufstehen
© E. Wobst/Csoti

Zu den normalen Kompensationsmechanismen bei Gesunden gehört ein angemessener Anstieg der Herzfrequenz (Puls) nach dem Aufstehen. Bei Parkinson-Patienten ist dieser physiologische Pulsanstieg aufgrund der gestörten Innervation des Herzens zu gering ausgeprägt oder völlig fehlend.
Neben dem körperlagebedingten Blutdruckabfall nach dem Aufstehen (postural) kann der Blutdruck bei Patienten mit Parkinson jedoch auch nach einer Mahlzeit abfallen, da das Blut im Magen-Darm-Trakt für die Verdauung benötigt wird (postprandial) oder auch nach intensivem sportlichen Training, da es durch eine starke Weitung der Muskelgefäße (Vasodilatation) zu einer Umverteilung des Blutes in die Muskulatur und zu einem Absinken des zentralen Blutvolumens kommt.
Sinkt der Blutdruck postural, postprandial oder nach einer sportlichen Betätigung zu stark, wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Die häufigsten Anzeichen einer solchen verminderten Hirndurchblutung können sein:
Schwindelgefühl, Schwarzwerden oder Flimmern vor den Augen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Ohrensausen, Benommenheit, Gangunsicherheit, Sehstörungen (Verschwommensehen, Farbverlust, Tunnelblick), kalte Füße, das Gefühl einer Eisenklammer im Nacken (Kleiderbügelzeichen). In seltenen Fällen werden die Patienten sogar kurz bewusstlos, Synkope genannt.
Bestimmte Medikamente können diesen lageabhängigen Blutdruckabfall verstärken. Dazu gehören unter anderem Mittel gegen hohen Blutdruck und Depressionen. Auch Parkinson-Medikamente können eine OH auslösen, insbesondere Dopaminagonisten.

Bluthochdruck im Liegen (Inverse-Dipper)

Eine weitere Besonderheit ist der bei diesen Patienten häufig paradox erhöhte Blutdruck in der Nacht bzw. im Liegen. Beim Gesunden fällt der Blutdruck in der Nacht etwa um 10 % ab und liegt somit unter 120/70 mmHg. Menschen mit diesem normalen Blutdruckverhalten werden "Dipper" genannt. Ist diese tageszeitabhängige (zirkadiane) Rhythmik gestört, kann der Blutdruckabfall fehlen (Non-Dipper) oder es kommt sogar zu einem Anstieg der Blutdruckwerte (Inverse-Dipper) mit den bekannten internistischen Gefahren wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Wann spricht man von einem hohen Blutdruck im Liegen? Hier konnten sich die verschiedenen Fachgesellschaften noch nicht einigen. Die Klassifikation der AHA (American Heart Association) schlägt einen Wert von ≥ 140/90 mmHg vor.

Off-Hochdruck (Buthochdruck in der off-Phase)

Nach mehreren Krankheitsjahren kommt es aufgrund der kurzen Halbwertszeit von L-Dopa und dem Verlust der Speicherbläschen in den Nervenzellen des Gehirns zu einer immer kürzer werdenden Wirkung der eingenommenen Medikamente. Wirken die Medikamente, kann sich der Patient gut bewegen - on-Phase genannt. Lässt die Wirkung der eingenommenen Medikamente nach und die nächste Einnahme ist zeitlich noch nicht vorgesehen, treten nach und nach die Symptome der Krankheit immer stärker in Erscheinung. Steifheit, verstärktes Zittern, Verlangsamung, Trippelschritte, der Patient ist im off. Da diese Schwankungen der Beweglichkeit mit der Einnahme der Medikamente zusammenhängen, werden sie Wirkungsfluktuationen genannt.
Bei Patienten mit diesen Wirkungsfluktuationen kann der Blutdruck in den off-Phasen ebenfalls hoch sein. Da die längste und schwerste off-Phase meist in den frühen Morgenstunden im Bett beginnt, wenn die Wirkung der am Abend eingenommenen Medikamente zu Ende geht, ist der Blutdruck bei diesen Patienten in den frühen Morgenstunden hoch. Steht der Patient dann auf, und erleidet die oben beschriebene posturale Hypotonie, sind ausgeprägte Schwankungen des Systemdrucks bis hin zu 100 mmHg zwischen Liegen und Stehen die Folge. Diese extremen RR-Schwankungen können zu erheblichen Endorganschäden führen (z.B. Netzhautschäden am Auge) und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Bei einigen meiner Patienten kann man die Folgen dieser Schwankungen in der zerebralen Bildgebung (Schädel-CT oder MRT) sehen. Hier lassen sich oft kleine Schlaganfälle in der Tiefe des Gehirns nachweisen.

Diagnostik

Blutdruckmessen

Halbautomatisches Blutdruckmessgerät
© Csoti

Die Diagnostik ist einfach. Der Blutdruck muss zunächst normal gemessen werden, wobei normal bedeutet – der Patient hat 5 Minuten in entspannter Haltung gesessen, der Arm ist entkleidet und wird leicht gebeugt in Herzhöhe gelagert, die Blutdruckmanschette passt und beim Messen wird nicht gesprochen. Auf diese Weise kann der allgemeine Systemdruck festgestellt werden. Er ist bei Parkinson-Patienten ohne Bluthochdruck als Begleiterkrankung normal oder zu niedrig (hypoton).





Hinweis:

Blutdruckmanschette
mit Armumfang © Csoti

Achten Sie auf die richtige Größe der Blutdruckmanschette! Sie ist auf der Innenseite der Manschette angegeben (siehe Abbildung 2). Auf unserem Bild muss der Armumfang 24 - 32 cm betragen, nicht mehr und nicht weniger. Sonst erhält man bei der Messung falsche Werte.





Kreislauftest

Um das Kreislaufverhalten nach dem Aufstehen beurteilen zu können, ist ein Kreislauftest (Schellong-Test genannt) erforderlich. Der Blutdruck wird mehrfach im Liegen und nach dem Aufstehen gemessen. So kann man feststellen, ob der Körper in der Lage ist, den Blutdruck trotz Lagewechsel stabil zu halten oder ob der Blutdruck rasch abfällt und nicht, wie eigentlich erwartet, wieder ansteigt.

24-Stunden-Blutdruckmessung

Eine 24-Stunden-Blutdruckmessung ist nötig, um den Blutdruck in der Nacht und nach den Mahlzeiten beurteilen zu können. Einen Blutdruckabfall nach dem Frühstück, nach dem Mittagessen oder nach sportlicher Betätigung und einen nächtlichen Blutdruckanstieg kann man nur durch diese 24-Stunden-Messung aufdecken. Diese zeitlich begrenzten Blutdruckschwankungen entziehen sich oft der nur kurzen Kreislaufmessung.

Therapie

Das therapeutische Spektrum ist vielfältig und beinhaltet sowohl konservative als auch medikamentöse Therapieansätze. Insbesondere die konservativen Optionen erfordern die aktive Mitarbeit der Betroffenen.
Der allgemein niedrige Blutdruck muss nur dann behandelt werden, wenn klinische Symptome, wie starke Müdigkeit oder Schwindel auftreten. In diesem Fall sollten zunächst Medikamente reduziert oder abgesetzt werden, welche den Blutdruck senken (z.B. Mittel gegen hohen Blutdruck oder zur Entwässerung, Dopaminagonisten). Im Rahmen einer Blutuntersuchung sollte überprüft werden, ob ein Salzmangel im Blut vorliegt (zu wenig Natrium im Blut). Wenn ja, muss nach Medikamenten gesucht werden, welche zu einem Natriummangel im Blut führen können. Beispiele: PK-Merz/Amantadin, Mittel gegen Depressionen (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), Mittel gegen Epilepsie.

Allgemeinmaßnahmen gegen niedrigen Blutdruck

  • Langsames Aufstehen!
  • Schlafen mit leicht erhöhtem Oberkörper vermindert Bluthochdruck im Liegen, das nächtliche Wasserlassen und den morgendlichen Blutdruckabfall beim Aufstehen
  • Tragen von Kompressionsstrümpfen oder Bauchbinden (abdominelle Bandagen)

Flüssigkeit und Kreislauftraining (Sport)

  • Ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit, 1,5 bis 2 Liter Wasser/Tee pro Tag sind unbedingt erforderlich
  • Regelmäßige Bewegung (Ausdauersportarten), wie Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren, Tanzen, Wassertreten
  • Außerdem sind kalte Güsse und Bürstenmassagen und Rosmarinbäder etc. sehr hilfreich

Ernährung

  • Nehmen sie mehrere kleine Mahlzeiten zu sich: Tritt die Kreislaufstörung auch nach den Mahlzeiten auf, so sollten besser 5 kleine Mahlzeiten als 3 große eingenommen werden, da nach einer großen Mahlzeit dem Kreislauf viel Blut für die Verdauung entzogen wird
  • Ernähren Sie sich salzreich: Mineralwasser, erhöhte Kochsalzzufuhr (gesalzenes Butterbrot, Salzstangen, Salzbrezel). Salz bindet Flüssigkeit im Körper und erhöht so den Blutdruck. Wer sich gern bewusst ernährt, sollte sich statt herkömmlichem Streusalz für Brote oder das Frühstücksei ein Gourmetsalz gönnen. Diese Salze enthalten zusätzliche Mineralien und Spurenelemente, welche im Speisesalz fehlen.
  • Stabilisierend auf den Kreislauf wirken außerdem Ingwer (Tee oder Kapsel) und Kalium (Keime, Kerne, Nüsse, Bananen)
  • Trinken Sie koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Espresso, grünen Tee, verschiedene Kräuterteesorten

Naturheilkunde

  • Zubereitungen aus Rosmarin, Weißdorn, Kampfer, Besenginster und Ginseng (z.B. Korodin-Tropfen – enthalten Weißdorn und Kampfer)

Was tue ich gegen das Absinken des Blutdrucks beim Aufstehen?

Langsam aufstehen!
Erst einmal auf die Bettkante setzen und ein wenig durchatmen, dann aufstehen.

Neben dem niedrigen Blutdruck nach dem Aufstehen ist der Blutdruck bei diesen Patienten im Liegen oft hoch. Aus diesem Grund sollten diese Patienten versuchen, sich tagsüber nicht hinzulegen. Besser in einem bequemen Sessel mit erhöhtem Fußteil ruhen. Nachts sollte das Kopfteil des Bettes etwa 30 bis 40 Grad hochgestellt werden (alternativ Keilkissen, wenn Lattenrost nicht verstellbar).

Morgens vor dem Aufstehen ein Glas Wasser trinken (sollte am Abend bereitgestellt werden) und eine kleine Morgengymnastik zum Munterwerden einplanen (Arm- und Beinkreisen, Radfahren, Arme über Kopf dehnen etc.).

Noch vor dem Aufstehen Stützstrümpfe anziehen! Diese meist sehr gehassten Strümpfe sind die beste Therapie dieser Kreislaufstörung, insbesondere bei 30 Grad im Schatten!
Alternativ Anlegen einer medizinischen Bauchbinde.

Keine körperliche Belastung nach dem Essen!

Wenn der Patient merkt, dass ihm schwarz vor Augen wird und/oder das Herz zu rasen beginnt, am besten sofort auf den Boden legen und die Beine erhöht lagern (an die Wand lehnen oder auf einen Stuhl legen). Wenn Hinlegen nicht möglich ist, am besten auf den Boden knien, hocken oder im Stand an eine Wand lehnen, die Beine übereinanderschlagen und die Oberschenkel fest aufeinander pressen, die Finger ineinander haken und die Arme nach außen ziehen (Jendrassik-Handgriff). Alternativ kann man einen Gegenstand mit der Hand fest zusammendrücken (Abbildungen 3 - 5).
Wenn es wieder besser geht Fenster auf, hinsetzen, Beine hoch und 1 Glas Wasser trinken!

© E. Wobst/Csoti
- Beine kreuzen, Bein-, Bauch- und Gesäßmuskeln anspannen
- Beine kreuzen, zusätzlich Jendrassik Handgriff
- Gegenstand fest mit der Hand drücken

Medikamente

Diese sollten erst dann zum Einsatz kommen, wenn alle oben genannten Maßnahmen nicht helfen. Es gibt mehrere Medikamente gegen die posturale und postprandiale Hypotonie, aber auch Medikamente für Patienten mit hohem Blutdruck im Liegen.

Ausgewählte Beispiele:
Medikamente gegen niedrigen Blutdruck nach dem Aufstehen:

  • Domperidon Tropfen, Tabletten
  • Midodrin Tropfen, Tabletten
  • Fludrocortison Tabletten

Die Einstellung muss engmaschig überwacht werden, da es zu einem unerwünschten Ansteigen der Blutdruckwerte kommen kann. Die notwendige Dosis muss in der ersten Woche regelmäßig angepasst werden. Es ist besonders darauf zu achten, dass diese Medikamente nicht wie üblich dreimal täglich verabreicht werden, da der Blutdruck in der Nacht ohnehin hoch ist. Meist ist eine Dauertherapie nur am Morgen erforderlich und nur in wenigen Fällen auch noch um die Mittagszeit. Bei einem Blutdruckabfall nach einer Mahlzeit hat sich Coffein (z.B. Espresso) als hilfreich erwiesen. Gegen den Bluthochdruck im Liegen werden kurz wirksame Antihypertensiva empfohlen, z.B. Losartan.

Und hier noch ein kleiner Rat:
Vergessen Sie nicht zu lachen! Lachen regt den Kreislauf an, erweitert den Brustkorb, stimuliert die Nerven, führt dem Gehirn Sauerstoff zu und unterzieht den ganzen Organismus einer Läuterung (Kalenderspruch - Verfasser anonym).


Weiterführende Literatur für Interessierte:
Csoti I, Jost W, Reichmann H.
Parkinson's disease between internal medicine and neurology.
J Neural Transm 2016; 123:3-17. doi:10.1007/s00702-015-1443-z.