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Nicht-motorische Begleitsymptome der Parkinson-Krankheit: Sialorrhoe – unkontrolliertes Herauslaufen von Speichel

Dr. med. Ilona Csoti
Juni 2016

Auch wenn sich "vermehrter Speichelfluss" harmlos anhört, empfinden viele Parkinson-Patienten gerade diese Begleiterscheinung der Erkrankung als besonders lästig und stigmatisierend. In schweren Fällen läuft der Speichel fast den ganzen Tag unkontrolliert aus dem Mund (Sialorrhoe), die Aussprache ist feucht und die Kleidung befleckt. In Ermangelung anderer Hilfsmöglichkeiten halten sich davon Betroffene oft ganztags ein kleines Handtuch vor den Mund. Sie schämen sich und ziehen sich zurück. Auch für pflegende Angehörige ist diese Begleiterscheinung problematisch und sie nennen oft den Speichelfluss zu allererst, wenn man danach fragt, was durch eine Änderung der Medikation gebessert werden soll.

Was ist Speichel und warum ist er wichtig?

Der gesunde Erwachsene produziert in den drei großen und vielen kleinen Speicheldrüsen der Mundhöhle pro Tag etwa 1,5 Liter Speichel. Neben Wasser (99%) enthält Speichel verschiedene Inhaltsstoffe, welche bereits in der Mundhöhle mit der Vorverdauung von Speisen beginnen: Mineralsalze, Verdauungshilfsstoffe (Enzyme) und Bakterien-tötende Bestandteile (Immunglobuline). Zudem schützt Speichel Mundhöhle und Zähne vor Krankheitserregern und Säuren und verbessert die Speisekonsistenz für das Schlucken. Mucine im Speichel machen den Speisebrei gleitfähig und geschmeidig, Geschmacksstoffe werden aufgelöst, so dass über die Rezeptoren auf Zunge und Gaumen ein wohlschmeckendes Mahl wahrgenommen werden kann. Außerdem ist Küssen auch aufgrund von Sexuallockstoffen im Speichel so reizvoll.

Geschluckt wird ca. 580 bis 2000 mal pro Tag, denn Schlucken gehört zu den häufigsten automatisierten Bewegungsvorgängen im Körper. Im Wachzustand - mit Ausnahme der Mahlzeiten - wird rund einmal pro Minute geschluckt, ein komplexer und sehr störanfälliger Vorgang. Die Tätigkeit von 50 Muskelgruppen und mehreren Hirn- und Halsnerven muss vom Gehirn zeitgleich koordiniert und sicher angesteuert werden.
Jeder von uns war schon einmal beim Zahnarzt und kann sich sicherlich erinnern, wie schnell die Mundhöhle voll Speichel läuft, wenn man nicht schlucken kann. Die Arzthelfer müssen ständig absaugen. Parkinson-Patienten können zwar schlucken, tun es aber viel zu selten, die Schluckfrequenz ist vermindert. Dadurch sammelt sich in kurzer Zeit eine größere Speichelmenge an, welche dann den Weg des geringsten Widerstandes nimmt und durch den geöffneten Mund bei nach vorn geneigtem Kopf hinausläuft.
Die Speichelproduktion selbst ist bei Parkinson sogar eher vermindert, weshalb viele Patienten trotz dem Herauslaufen des Speichels über eine extreme Mundtrockenheit (Xerostomie) und einen zähen Speichel klagen. Bestimmte Medikamente können zu einer Verstärkung des Speichelflusses aber auch der Mundtrockenheit führen. Bei Patienten mit Parkinson-Demenz ist die Schluckfrequenz besonders reduziert und der ausgeprägte Speichelfluss erhöht den Pflegeaufwand erheblich.

Grundpflege

Die Mundhöhle sollte gut gepflegt werden. Regelmäßiges Zähneputzen (bei feinmotorischen Störungen mit einer elektrischen Zahnbürste) und Mundspülungen mit einem desinfizierenden Mundwasser sind empfehlenswert. Bei Mundtrockenheit kann Saliva Natura oder aldiamed Mundspray versucht werden (es gibt zahlreiche Anbieter von Speichelergänzung in Sprayform).

Schluck-Training mit dem "Schluck-Wecker"

Die nebenwirkungsärmste Behandlung ist der Versuch bewusst zu schlucken. Empfohlen wird dabei ein Schlucktraining mit dem "Schluck-Wecker". Die Übungen sollten zweimal täglich je 30 Minuten erfolgen: der Wecker klingelt aller zwei Minuten - bei jedem Klingeln soll geschluckt werden. Der Körper passt sich langsam an die neue Schluckfrequenz an und etwa nach 2 bis 3 Wochen erhöht sich die Schluckfrequenz und der Speichelfluss wird weniger. Erhältlich ist der MP3-Titel als kostenloser Download auf Rehamusik.de, Artikelnummer 004001 (Konzept: Grit Mallien, Stefan Mainka).

Sprachtherapie mit Schlucktraining (Dysphagietraining)

Da dem vermehrten Speichelfluss eine gestörte Fähigkeit des Speichelschluckens zugrunde liegt, besteht in der Regel auch eine Störung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme (Dysphagie), auch wenn dies vom Patienten nicht wahrgenommen wird. Eine funktionelle Dysphagietherapie (FDT) berücksichtigt neben dem Speichelfluss auch die oft vorhandenen Aspirationen (Verschlucken von Flüssigkeit oder Nahrung). Durch die Therapie soll eine funktionelle Neuordnung der noch intakten Strukturen in der Hirnrinde stattfinden.

Medikamente

Bei starkem Speichelfluss stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Es gibt Tropfen, Tabletten, Pflaster und Spritzen. Jede Behandlung kann jedoch Nebenwirkungen verursachen und muss daher mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden, zumal außer dem in Deutschland noch nicht zugelassenen Glykopyrrolat keines der Präparate für diese Indikation zugelassen ist (off-Label).

Beispiele:

  • Amitriptylin, 10 bis 50 mg täglich (Tropfen, Tabletten)
  • Atropin-Augentropfen, 3 mal täglich unter die Zunge
  • Ipatropium-Bromid Spray (Atrovent®, Berodual®), positive Studie bei Parkinson - Thomsen et al. 2007
  • Scopolamin (Scopoderm TTS®) Pflaster, 1 - 2 Pflaster aller 3 Tage
  • Glycopyrroniumbromid (Robinul® Ampullen, Seebri® Breezhaler - Kapsel mit Pulver zur Inhalation)
  • Glykopyrrolat (Cuvposa® - in Deutschland noch nicht zugelassen, FDA Zulassung für Kinder in den USA 2010, positive Studie bei M. Parkinson, NEUROLOGY 2010)
  • Pirenzepin (Gastrozepin®), 1 - 2 Tabletten täglich
  • Trihexyphenidyl, 1 - 3 Tabletten täglich
  • Methantheliniumbromid (Vagantin®), 1 - 3 Dragees täglich
  • Clonidin, 2 x 0,15 bis 0,30 mg
  • Botulinumtoxin Spritze in die Speicheldrüsen

Homöopathische Arzneien

Jaborandi, Kalium bromatum, Kalium chloratum, Mercurius, Pulsatilla, Agaricus muscarius, Pelargonium reniforme D1, Belladonna (in der Regel Globuli oder Lösung)

Heilpflanzen

Thymian- oder Kamillentee mehrfach täglich trinken.
Salbeitropfen, Salbeitee mehrmals täglich, frische Salbeiblätter kauen.

Akupunktur

Es wird eine direkte Stimulation neuronaler Strukturen angenommen. Entsprechende Studien bei M. Parkinson stehen jedoch noch aus.

Kaugummikauen

Auch wenn es vielleicht komisch klingt - Kaugummikauen verbessert die Schluckfähigkeit von Parkinson-Patienten und damit auch den vermehrten Speichelfluss. In einer Studie mit 20 PS-Patienten wurde untersucht, wie sich Kaugummikauen auf die Schluckfähigkeit auswirkt. Es erhöht die Schluckfrequenz und verkürzt die Schlucklatenz. In der Studie waren diese Effekt nicht nur während des Kauens, sondern auch danach noch nachweisbar. Da keine Nebenwirkungen zu erwarten sind, kann Kaugummikauen insbesondere für unterwegs empfohlen werden. Zuhause haben wir ja das Wasserglas! Bitte wählen Sie einen gesunden Kaugummi ohne Zucker und ohne Aspartam.

Strahlentherapie

Der Nutzen einer Bestrahlung der Speicheldrüsen ist in verschiedenen Studien beschrieben, jedoch variieren die Ergebnisse deutlich. Zu berücksichtigen sind die möglichen Strahlennebenwirkungen. In der Literatur werden Einzelbehandlungen mit 7 - 8 Gy als sicher und effektiv beschrieben. Allerdings kenne ich keinen einzigen Patienten, bei dem diese Behandlung angewendet wurde.

In unserer Klinik setzten wir Medikamente nur sehr selten ein, da die damit verbundenen Nebenwirkungen oft nicht tolerierbar sind (Verstopfung, Hautrötung, Pupillenerweiterung, Verwirrtheit, Halluzinationen, Harnverhalt).
Wir empfehlen unseren Patienten, im häuslichen Umfeld immer etwas Wasser in greifbarer Nähe zu haben und bei sich andeutendem Speichelfluss einen Schluck zu trinken. Außerhalb der Wohnung hilft es, die Speichelproduktion anzuregen und damit den automatischen Schluckakt anzuregen. Das Kauen von Kaugummi (sogar in Studien nachgewiesen) und das Lutschen saurer (zuckerfreier) Bonbons ist praktisch, hilfreich und gut verträglich.


Literatur:

  1. Arbouw, ME: Glycopyrrolate for sialorrhea in Parkinson disease: a randomized, double-blind, crossover trial. Neurology 2010; 74: 1203-1207
  2. South AR1, Somers SM, Jog MS. Gum chewing improves swallow frequency and latency in Parkinson patients: a preliminary study. Neurology 2010; 74(15):1198-1202. doi: 10.1212/WNL.0b013e3181d9002b.
  3. http://flexikon.doccheck.com/de/Speichel
  4. Thomsen TR, Galpern WR, Asante A, Arenovich T, Fox SH. Ipratropium bromide spray as treatment for sialorrhea in Parkinson's disease. Mov Disord. 2007 Nov 15;22(15):2268-73
  5. Lagalla G, Millevolte M, Capecci M, Provinciali L, Ceravolo MG. Botulinum toxin type A for drooling in Parkinson's disease: a double-blind, randomized, placebo-controlled study. Mov Disord. 2006 May;21(5):704-707
  6. Egevad G, Petkova VY1, Vilholm OJ. Sialorrhea in patients with Parkinson's disease: safety and administration of botulinum neurotoxin. J Parkinsons Dis. 2014;4(3):321-6. doi: 10.3233/JPD-140379.