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Wahltarife – Interview mit F.-W. Mehrhoff, Geschäftsführer der dPV

Hintergrund:
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So oder so ähnlich klingt die Werbung der gesetzlichen Krankenkassen für neue Wahltarife, die einige Krankenkassen nunmehr anbieten. Bis zu 22 unterschiedliche Wahltarife haben die Krankenkassen jeweils im Angebot, für Kranke und Gesunde, für Patienten, die ihre Arztrechnungen selbst kontrollieren wollen. Jeder sollte nunmehr Wahltarife – Interview mit F.-W. Mehrhoff, Geschäftsführer der dPV selbst kontrollieren, ob und inwieweit ein solcher Wahltarif für ihn in Frage kommt. Außerdem sollte ermittelt werden, inwieweit hier tatsächlich Möglichkeiten geschaffen wurden, die monatliche Belastung zu senken. Dabei sollten die persönlichen Bedürfnisse – gerade der chronisch kranken Patienten – genau beachtet werden. Eventuelle Ersparnisse des Patienten sollten nicht vorschnell in den Fokus rücken. Denn manch einer dieser Wahltarife erweist sich, gerade im Hinblick auf die Bindungsfrist oder eine eventuelle Selbstbeteiligung als Bumerang. Daher: Augen auf bei den Wahltarifen und genau hinschauen, ob und inwieweit hier tatsächlich Kosteneinsparungen möglich sind.

parkinson-web.de Redaktion: Seit 01. April können bzw. müssen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten so genannte „Wahltarife“ anbieten. Die „Kann-Tarife“ wie Selbstbehalttarif, Kostenerstattungstarif oder Beitragsrückerstattungstarif bei Nichtinanspruchnahme medizinischer Leistungen zielen eher auf den „gesunden Versicherten“ und bieten den Kassen die Chance, diese für drei Jahre an sich zu binden (verlängerte Kündigungsfrist). Die „Muss-Tarife“ wie der Hausarzttarif, Tarife zur integrierten Versorgung, Tarife für besondere ambulante ärztliche Versorgung oder Disease-Management-Tarife sollten die besonderen Versorgungsformen stärken. Außerdem sollten laut Gesetzgeber die Wahltarife die Wahlfreiheit der Versicherten sowie den Wettbewerb unter den Kassen stärken. Sehen Sie angesichts der Ausgestaltung der Wahltarife die Ziele des Gesetzgebers erreicht?

Mehrhoff: Grundsätzlich haben die unterschiedlichen Tarife die Unsicherheit der Versicherungsnehmer bezüglich ihrer Krankenkasse noch vergrößert. Bei der Vielzahl unterschiedlicher Tarife fühlen sich viele Menschen überfordert. Die nur zögernde Annahme zeigt, dass einige Krankenkassen offensichtlich in ihrem Angebot weit über das Ziel hinausgeschossen sind.

Für Parkinson-Patienten und chronisch Kranke kommen diese Wahltarife in der Regel nicht in Frage. Diese Gruppe der Versicherungsnehmer ist auf den klassischen Fall der Krankenversicherung angewiesen. Schon in Anbetracht der immer weiter steigenden Eigenbeteiligung. Der Gesetzgeber hat daher nur partiell sein Ziel erreicht. Umworben werden von der GKV verstärkt die „jungen und gesunden Menschen“, die mit den unterschiedlichen Wahltarifen einhergehende Angebote auch nutzen können.
Die Wahlfreiheit für den chronisch kranken Menschen hat sich jedoch nicht erhöht. Der Wettbewerb der Kassen untereinander wird hierdurch sicherlich nicht steigen, denn dies ist wirtschaftlich gesehen nicht das Ziel der Krankenkassen.

parkinson-web.de Redaktion: Die gesetzlichen Krankenkassen haben vor allem bei den „Kann-Tarifen“ sehr schnell Versicherungsprodukte entwickelt. Einzelne Krankenkassen bieten bereits mehr als 20 verschiedene Tarife an. Trotzdem hält sich die Nachfrage nach solchen Tarifen in Grenzen. So wurden bei der Barmer Ersatzkasse bei rund 6 Millionen Versicherten erst 1.500 Verträge für einen der 18 Wahltarife abgeschlossen. Wie erklären Sie sich diese abwartende Haltung der Versicherten?

Mehrhoff: Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die Unsicherheit hinsichtlich dieser Wahltarife sehr groß ist. Die Vielzahl der Produkte mit den unterschiedlichsten Bedingungen gepaart mit einer verlängerten Kündigungsfrist führen aus unserer Sicht dazu, dass viele Menschen, die in der GKV versichert sind, sehr zögerlich reagieren. Hinzu kommt, dass schon aufgrund der historischen Entwicklung viele Versicherungsnehmer traditionell nicht darauf eingestellt sind, im Rahmen ihrer gesetzlichen Krankenversicherung verschiedene Tarife auswählen zu können.
Da diese Wahltarife auf junge und dynamische Menschen zugeschnitten sind und wir eine Gesellschaft sind, in der das Durchschnittsalter ansteigt, beschränkt sich die Attraktivität dieser Tarife auf einen immer kleiner werdenden Kreis von Versicherungsnehmern der GKV. Diese drei Gründe führen sicherlich dazu, dass die Versicherten derzeit noch sehr reserviert den unterschiedlichen Angeboten gegenüberstehen.

parkinson-web.de Redaktion: Die „Kann-Tarife“ könnten dem Gesundheitswesen tendenziell Ressourcen entziehen (sinkender Deckungsbeitrag), da die „gesunden“ Versicherten dadurch weniger Beiträge leisten. Andererseits könnte die von der Tarifgestaltung ausgelöste Lenkungswirkung dazu führen, dass Gesundheitsleistungen nur wirklich dann in Anspruch genommen werden, wenn es wirklich notwendig erscheint. Wie schätzen Sie den Effekt dieser Wahltarife auf die Einnahmen-Ausgaben-Relation ein?

Mehrhoff: Es ist zu erwarten, dass in erster Linie junge und gesunde Menschen von den vorliegenden Wahltarifen Gebrauch machen werden. Dies wird in der Tat dazu führen, dass ein Stück weit die Solidarität in der gesetzlichen Krankenversicherung abbröckelt. Bei gleichzeitig steigenden Ausgaben einer immer älter werdenden Bevölkerung dürfte auf der anderen Seite gerade bei der Ausgabenseite ein immer höherer Bedarf entstehen, der zukünftig nur zum Teil durch die Einnahmen abgedeckt werden kann. Es ist daher davon auszugehen, dass längerfristig sinkende Einnahmen durch gerade jüngere Versicherungsnehmer bei steigenden Ausgaben für die Versorgung älterer Versicherungsnehmer gegenüberstehen. Dies würde das Finanzierungssystem und damit die Solidarität der Versicherungsnehmer untereinander in Frage stellen. Es bleibt daher abzuwarten, ob und inwieweit es durch den Gesundheitsfond gelingen wird, gerade Krankenkassen mit einem erhöhten Anteil von älteren chronisch kranken Versicherungsnehmern zu stützen, um den internen Finanzausgleich nach wie vor sicherzustellen.

parkinson-web.de Redaktion: Für Parkinson-Patienten bieten sich unmittelbar kaum Wahltarife an, die für sie sinnvoll erscheinen. Müssen sich Patienten dieser spezifischen Erkrankung diesbezüglich benachteiligt fühlen?

Mehrhoff: Wie bereits mehrfach dargestellt, zielen die Wahltarife in erster Linie auf die gesunden und jungen Mensch ab. Chronisch kranke Menschen, hier insbesondere Parkinson-Patienten, werden von diesen Angeboten nicht angesprochen. Diese Menschen sind jedoch in erhöhtem Maße auf eine gesicherte ärztliche und medizinische Behandlung angewiesen und damit auf die Solidarität der übrigen Versicherungsnehmer.
Wahltarife in der oben beschriebenen Form erscheinen mir in diesem Bereich nicht sinnvoll. Eine diesbezügliche Diskriminierung von Parkinson-Patienten sehe ich daher nicht.
Es bleibt jedoch abzuwarten, wie gerade im Hinblick auf die zukünftige finanzielle Entwicklung die medizinische Versorgung durch die Krankenversicherungen auch zukünftig sichergestellt werden kann und damit ein Stück Vertrauen der Parkinson-Patienten in ihre Versicherung erhalten bleiben kann.

Das Redaktionsteam von parkinson-web.de bedankt sich herzlich bei Herrn Mehrhoff für das Interview. Diese Interviewreihe wird mit dem Thema "Hausarztzentrierte Versorgung" fortgesetzt.



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