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16. Internationaler Kongress zu Parkinson und Bewegungsstörungen, 16. – 21. Juni 2012 in Dublin (Irland)

Stand August 2012 | Dr. med. Ilona Csoti

Ha'penny Bridge in Dublin

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Ausblicke in die Zukunft

Der internationale Kongress der Movement Disorder Society (MDS) ist der weltweit größte und bedeutendste Kongress über Parkinsonsyndrome und andere neurologische Bewegungsstörungen. Er bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellsten Entwicklungen und fand in diesem Jahr in Dublin statt. Mit über 5000 Teilnehmern aus 82 Ländern war es der bisher größte MDS-Kongress. Auch die Parkinson-Selbsthilfegruppen waren vertreten und aktiv.
Aus der Fülle an Informationen möchte ich nachfolgend die mir für den klinischen Alltag und die Praxis relevantesten Neuigkeiten für Sie zusammenfassen:

Clozapin lindert Überbewegungen (Dyskinesien)
Das atypische Neuroleptikum Clozapin wird seit vielen Jahren gegen Wahrnehmungsstörungen (Halluzinationen) und Psychosen bei Parkinson-Patienten eingesetzt. Es ist das einzige Medikament, welches über eine Zulassung zur Behandlung dieser Krankheitskomplikationen verfügt. Leider haben viele Patienten und auch Angehörige Ängste vor einer solchen Behandlung, da regelmäßige Blutuntersuchungen vorgeschrieben sind; dadurch lassen sich aber etwaige Komplikationen rechtzeitig erkennen. Clozapin verfügt über einen weiteren für Parkinson-Patienten erheblichen Vorteil: es hat eine gute Tremorwirksamkeit (lindert das Zittern). Insbesondere Patienten mit Zittern und Wahrnehmungsstörungen (Halluzinationen) sollten deshalb mit Clozapin und nicht mit anderen Neuroleptika behandelt werden. In Dublin wurde ein weiterer positiver Nebeneffekt von Clozapin besonders hervorgehoben: in mehreren Studien konnte eine deutliche Linderung der Überbewegungen beobachtet werden. Da es uns auch in der Klinik nicht immer gelingt, Überbewegungen ausreichend zu reduzieren, kann Clozapin somit eine wertvolle Bereicherung unserer medikamentösen Möglichkeiten im Kampf gegen Dyskinesien sein.
In einer weiteren Studie wurde auch dem in Deutschland zugelassenen Buspiron (angstlösendes Mittel) eine Wirksamkeit gegen Dyskinesien bescheinigt.

Leichte Halluzinationen – ein nicht-motorisches Frühsymptom bei noch unbehandelten Parkinson-Patienten
Epidemiologische Studien bestätigen, dass neurodegenerative Veränderungen eine größere Rolle bei der Entstehung von Halluzinationen spielen, als dopaminerge Medikamente.
In einer prospektiven Studie wurden 48 frühe, unbehandelte Parkinson-Patienten (Alter 69±10 Jahre, Krankheitsdauer 2.1±1 Jahr) regelmäßig untersucht. Die Halluzinationen wurden mit dem Item „Halluzinationen/Psychose“ aus dem MDS-UPDRS (Movement-Disorder Society - Unified Parkinson‘s Disease Rating Scale) erfasst. Patienten, welche die Kriterien einer Demenz erfüllten, wurden ausgeschlossen. Bei 27 von 48 Patienten wurden im Verlauf Halluzinationen nachgewiesen. Sie traten ca. einmal wöchentlich auf, zeigten einen milden Schweregrad und die Einsicht war erhalten. Bei 10 von diesen 27 Patienten traten die Halluzinationen vor Ausbruch der motorischen Krankheitssymptome auf. Risikofaktoren waren eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung und/oder Auffälligkeiten in den kognitiven Testuntersuchungen.

L-Dopa besser 30 Minuten vor einer Mahlzeit als 2 Stunden danach
Im Beipackzettel L-Dopa haltiger Medikamente wird die Einnahme 30 Minuten davor oder 1,5 Stunden nach einer Mahlzeit empfohlen. Grund dieser Empfehlung ist die allbekannte Eiweißakinese – eine Unbeweglichkeit und Steifheit nach Einnahme einer eiweißhaltigen Mahlzeit. Die Patienten haben das Gefühl, die Medikamente wirken nicht, und das mit Recht, da in der Tat durch Nahrungseiweiß die Wirkung der L-Dopa-Tabletten reduziert werden kann. Auch im klinischen Alltag empfehlen wir unseren Patienten sicherheitshalber die Einnahme der L-Dopa Medikation 30 Minuten vor einer Mahlzeit. Die angegebenen 1,5 Stunden danach sind unsicher, da die Magentätigkeit bei Parkinson verlangsamt ist und auch noch nach 2 Stunden Nahrungsreste im Magen vorhanden sein können. Diese praktische Erfahrung und Empfehlung wurde durch eine aktuelle Studie untermauert. Die Magenentleerungszeit bei Parkinson ist teilweise auf bis zu 4 Stunden verlängert. Die sichere Einnahme von L-Dopa ist also nach wie vor eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit.

Nächtliches Wasserlassen führt zu Schlafstörungen
Eine der häufigsten Ursachen für Schlafstörungen bei Parkinson-Patienten ist das nächtliche Wasserlassen. Die dafür in Frage kommenden Möglichkeiten der Behandlung mit Blasenmitteln sind mit dem Auftreten von Nebenwirkungen verbunden. In Dublin wurde an die bereits bekannte, aber kaum eingesetzte Behandlung mit Desmopressin erinnert. Dieses Medikament sorgt dafür, dass die nächtliche Ausscheidung von Urin gebremst wird und ermöglicht somit einen längeren Nachtschlaf ohne quälenden Harndrang.

Kontrolle der Blutbildwerte unter Apomorphin
Apomorphin steht als Dopaminagonist zur Therapie fortgeschrittener Krankheitsphasen in Pumpenform und als Pen zur Verfügung. Vor- und Nachteile dieser spezifischen Therapie wurden ausführlich erörtert. Insbesondere wurde auf die Notwendigkeit regelmäßiger Kontrollen der Blutwerte hingewiesen, da als Nebenwirkung eine Blutarmut (hämolytische Anämie) mit den entsprechenden Folgen (Müdigkeit, Abgeschlagenheit) auftreten kann.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gegen Parkinson-Depression
In mehreren Studien wurde über den erfolgreichen (bis 56 % Besserungsraten) Einsatz einer kognitiven Verhaltenstherapie gegen die Depression bei Parkinson berichtet. Im Mittelpunkt einer KVT stehen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen. Wenn eine Situation als erfreulich und positiv bewertet wird, fühlt man sich in der Regel auch froh. Wird ein Ereignis schlimm, furchtbar oder unerträglich wahrgenommen, kommt es zu Angst, Wut und Enttäuschung. Zielstellung dieser Therapie ist also die Einflussnahme auf unsere Wahrnehmung und damit unsere Befindlichkeit. Bereits Epiktet sagte: „Es sind nicht die Dinge an sich, die uns beunruhigen, sondern unsere Sicht der Dinge.“

Atomoxetin gegen Parkinsondepression
In einer kleinen Studie wurde die Wirksamkeit von Atomoxetin, in Deutschland zur Behandlung des ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitäts-Störung) zugelassen, in der Therapie der Depression bei Parkinson untersucht. Atomoxetin ist ein selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Atomoxetin besserte zwar die depressiven Symptome der Patienten nicht signifikant, es war aber eine Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit und eine Reduktion der Tagesmüdigkeit zu beobachten. Die Autoren weisen darauf hin, dass größere Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit auf Stimmung und Wachheit bei Parkinson-Patienten zu untersuchen.

Multisystematrophie
Eine Phase II Studie mit Lithium wurde wegen fehlender Wirksamkeit und einer erhöhten Nebenwirkungsrate vorzeitig abgebrochen.
Eine Studie mit Rasagilin bei Patienten mit MSA zeigte ebenfalls eine fehlende Wirksamkeit.
Über positive Resultate konnte eine Studie mit mesenchymalen Stammzellen berichten. Es wurden 17 Patienten und 16 gesunde Kontrollen über 360 Tage untersucht. Sowohl die primären als auch sekundären Endpunkte waren positiv.
Es laufen aktuell Studien mit Rifampicin, Fluoxetin, intravenös verabreichten Immunglobulinen, Domperidon, Astonin und Fipamezole. Die Ergebnisse dieser Studien stehen noch aus. Domperidon und Astonin sind bereits zugelassenen Medikamente und können bei Patienten mit MSA erfolgreich gegen den Blutdruckabfall beim Aufstehen oder nach Mahlzeiten eingesetzt werden.

PSP
Unter Valproat kam es in einer Studie zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistungen ohne wesentlichen Effekt auf die motorische Symptomatik. Eine Studie mit Lithium war ebenfalls ohne Effekt.
Es laufen aktuell Studien mit Rivastigmin, r TMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation), Coenzym Q10, Rasagilin, Alpha-Liponsäure, Acetyl Carnitin, Creatin, Niacin (Nikotinsäure), Pyruvat, Tideglusib (NPO31112, GSK 3 Hemmer, GSK = Glycogen Synthase Kinase 3), Davunetide und Donepezil.

Patiententag
Am 20. Juni hatte die Irische „Move4Parkinson-Organisation“ in Zusammenarbeit mit der „Parkinson’s Movement“-Vereinigung eine gemeinsame Veranstaltung im Aviva Stadium in Dublin organisiert. Im Mittelpunkt stand die Stärkung der Patientenrechte. Margaret Mullarney, die Gründerin der „Move4Parkinson“, hatte diese Veranstaltung angeregt.
Detaillierte Informationen über diese Veranstaltung sind auf der Website der „Move4-Parkinson“ (www.parkinsonsmovement.com) nachzulesen.
Emma Stoke, die Vizepräsidentin des Physiotherapie-Weltverbandes eröffnete die Veranstaltung mit ihrem Vortrag „Rhythm of Life“. Professor Bas Bloem aus den Niederlanden berichtete über aus seiner Sicht nötige Veränderungen im Arzt-Patienten-Kontakt. Tom Isaacs, Präsident und Mitbegründer des “The Cure Parkinson's Trust” sprach über sein Leben mit Parkinson. Den Zuhörern gab er 10 wichtige Regeln mit auf den Weg:

Tommys TOP 10

  • Engage with your Parkinson‘s
  • Monitor your Parkinson’s
  • Continuity of Clinician
  • Exercise, diet and sleep
  • Drink lots (Water not Guinness)
  • Burglary is not the answer
  • Communication
  • Don’t be self absorbed – it’s not all about us
  • Love your guts
  • Never act weirdly as a joke

Die amerikanische Sprachtherapeutin Jennifer Grundulis brachte den Zuhörern die Vorteile des Singens für Menschen mit Parkinson nahe. Gemeinsam wurde "Something Inside So Strong" gesungen, für alle sehr bewegend. Sie beendete Ihren Vortrag mit folgenden Ratschlägen:

Life is a song – sing it.
Life is a game – play it.
Life is a challenge – meet it.
Life is a dream – realize it.
Life is a sacrifice – offer it.
Life is love – enjoy it.

In weiteren Vorträgen wurde auf die aktuelle Parkinson-Forschung eingegangen. Dr. Mark Frasier von der Michael J. Fox Stiftung berichtete über die Notwendigkeit von klinischen Studien und appellierte an die Zuhörer, sich aktiv an solchen Studien zu beteiligen.
Abschließend wurde über die Bedeutung der Achtsamkeit in unserem täglichen Leben eingegangen.

Der diesjährige Kongress überbrachte uns leider einige enttäuschende Nachrichten bezüglich abgeschlossener Therapiestudien, gleichzeitig vermittelte er jedoch auch viel Hoffnung, dass in Zukunft weitaus bessere Neuigkeiten auf uns warten.

Stand August 2012 | Dr. med. Ilona Csoti