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Highlights vom 14. Internationalen Movement Disorder Kongress in Buenos Aires

Stand Oktober 2010 | Dr. med. Ilona Csoti

Buenos Aires

Der 14. Kongress der Movement Disorder Society Mitte Juni 2010 in Buenos Aires (Argentinien) wurde thematisch zu einem großen Teil von der Pathophysiologie und Neurobiologie verschiedener Parkinson-Syndrome dominiert. Neue Erkenntnisse wurden jedoch auch auf Gebieten anderer Bewegungsstörungen, wie Morbus Huntington, Tremor oder Dystonien, präsentiert. Über 3.500 Ärzte und Wissenschaftler aus 70 Ländern waren in Argentinien zu Gast.

Aus der Fülle an Informationen seien einige Highlights besonders herausgehoben:

Parkinson und Schlaf

Schlafstörungen bei Morbus Parkinson wurden besonders intensiv diskutiert. Dabei erläuterten die Referenten sowohl pathophysiologische Zusammenhänge als auch mögliche therapeutische Ansätze.
 
Um die folgenden neuen Erkenntnisse besser zu verstehen, hier zunächst eine kleine Einführung:

Unser Schlaf-Wach-Profil unterliegt einem zirkadianen Rhythmus von 24 Stunden. Auch Blutdruck, Temperatur und Stress werden von kleinen Uhren in unserem Gehirn reguliert. Eine große Uhr, die sogenannte Masterclock, steuert unter anderem unseren Schlaftyp (Frühaufsteher, Langschläfer) und unsere Schlafdauer. Sie befindet sich in einem Kerngebiet im Gehirn, welches über der Kreuzung des Sehnerven liegt. Die Funktion dieser Masterclock ist genetisch festgelegt. Die daran beteiligten Gene werden Uhren-Gene oder Clock-Gene genannt. Da insbesondere Dopaminagonisten zu erhöhter Tagesschläfrigkeit führen, wird angenommen, dass sie die Funktion dieser Uhren-Gene beeinflussen. Auch Hormone sind an der Regulation beteiligt, zum Beispiel das Schlafhormon Melatonin, aber auch Noradrenalin und das Stresshormon Kortisol. Kortisol wird abhängig von der Tageszeit unterschiedlich stark aktiviert. Der Verlauf dieser Aktivierung wird „Kortisolkurve“ genannt. Bei Parkinson-Patienten ist diese Kurve abgeflacht.

Hypokretinzellen sinken über die KH Dauer

Andere Eiweißmoleküle spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle in der Regulation des Schlafverhaltens. Peptide im Hypothalamus, so genannte Hypokretine (abgeleitet von Sekret aus dem Hypothalamus), weisen ein breites Wirkungsspektrum auf und sind unter anderem für die Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus bedeutsam. Da sie auch den Appetit regulieren, werden sie manchmal auch Orexin genannt (Orexin griech. für Appetit). In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Parkinson-Patienten im Verlauf der Erkrankung einen Verlust von bis zu 60% hypocretinhaltiger Zellen erleiden. Die Forscher kommen zu der Annahme, dass dieser Verlust eine Ursache für die Narkolepsie-ähnlichen Symptome bei Parkinson (exzessiv erhöhte Tagesmüdigkeit, zwanghaftes Einschlafen) sein könnte und schlussfolgern, dass diese Symptome durch Behandlungen verbessert werden können, welche auf die Umkehrung des Hypokretin-Mangels hinarbeiten.

Zeichnet man den Schlaf eines Parkinson-Patienten im Schlaflabor auf, findet man in der Regel eine verminderte Schlafeffizienz, fraktionierten Schlaf mit fehlender REM-Atonie (Muskelentspannung in der Traumphase), Schlafapnoe (abhängig vom Gewicht), nächtliches Wasserlassen und einen vermehrten Tiefschlaf – Folge: erhöhte Tagesmüdigkeit.

Erhöhte Tagesmüdigkeit

Tagesmüdigkeit korreliert mit der Dauer und Schwere der Parkinson-Erkrankung, mit dem weiblichen Geschlecht und der Gabe von Dopaminagonisten.

Positive Erfahrungen werden über den Einsatz von Sodiumoxybat (in Deutschland Xyrem®), Modafinil, Armodafinil, Histamin-H3 inverse Agonisten (Pitolisant, BF 2.649) und Stimulanzien berichtet. Außerdem sollte der Nachtschlaf optimiert werden. Melatonin und THS seien nicht wirksam.
Eine Studie mit Pitolisant soll 2010 in Deutschland starten, in Frankreich läuft bereits eine ähnliche Studie.

Zur Therapie der gesteigerten Tagesmüdigkeit laufen außerdem Studien mit Koffein, Piribedil und Methylphenydat (in Deutschland zugelassen zur Therapie des ADHS).

Therapie der RBD (REM-Schlaf-Störung)

Die für Parkinson-Patienten so typische REM-Schlaf-Störung mit lautem Sprechen, Schreien oder Um-sich-Schlagen in den Traumphasen des Schlafes können ebenfalls medikamentös gelindert werden.

Beispiele: Melatonin, Zopiclon, Clonazepam. Wenn möglich, sollte eine antidepressive Therapie gestoppt werden, da einige Mittel gegen Depressionen eine REM-Schlaf-Störung verstärken können.

Neuromodulation
Gentherapie

Mit Hilfe von Viren werden verschiedene Reparaturgene in das Gehirn geschleust. Dort helfen sie, Dopamin zu produzieren. Verschiedene Forschergruppen setzen voneinander abweichende Gen-Kombinationen ein. Berichtet wurde über die Therapie mit TH+GCH1 (Tyrosinhydroxylase + GTP Cyclohydrolase 1) sowie über den Start einer zweiten Phase II-Studie mit CERE-120 durch Ceregene. CERE-120 ist ein Gentherapieprodukt, welches den neurotrophen Faktor Neurturin enthält, ein natürlich vorkommendes Protein, welches in der Lage ist, geschädigte Dopamin-produzierende Zellen zu reparieren. Es ist an ein entschärftes Virus gebunden, welches als Überträger fungiert. In dieser Studie wird die Substanz direkt in die schwarze Substanz injiziert.

Stammzelltherapie

Das Problem der Stammzelltherapie ist das Herausfinden der besten Spenderzellen. Studien werden unter anderem mit reprogrammierten Fibroblasten aus körpereigenen Hautzellen durchgeführt. Problematisch ist nach wie vor die Bildung von Krebszellen.

Unterschiedliches Ansprechen auf neue Therapien

Im Rahmen der Auswertung der Studienergebnisse der Stammzelltherapie und der Gentherapie konnten zwei verschiedene Verlaufsformen mit unterschiedlichem Ansprechen auf die jeweilige Therapie abgegrenzt werden. Da sind zum einen junge, nicht demente Patienten ohne PAGF (reine Akinese mit Gangstörungen und Freezing) mit gutem Ansprechen auf die jeweiligen Therapien, und zum anderen ältere Patienten mit Demenz und PAGF mit eher schlechtem Ausgang. Man nimmt an, dass Patienten mit der letzteren Verlaufsform ein höheres Ausmaß an Zellzerstörung aufweisen. In künftigen Studien werden Patienten wohl nach Verlaufstyp ausgewählt werden.

Frontotemporale Demenz

Patienten mit fronto-temporaler Demenz haben eine hohe genetische Komponente, 40% der Patienten haben eine positive Familienanamnese. Makroskopisch findet man eine frontale und temporale Atrophie, welche manchmal asymmetrisch ausfallen kann. In 10 – 15 % der Fälle kann eine Kombination mit einer ALS (amyotrophen Lateralsklerose) auftreten.

Neue Medikamente

Zahlreiche neue therapeutische Ansätze wurden vorgestellt. Nach Ausschöpfen der L-Dopa abhängigen Therapien versucht man nun auch andere Botenstoffe und Rezeptoren zu beeinflussen. Im Zentrum stehen verschiedene Gegenspieler von Glutamat. Weitere Ziele sind Dopamintransporter, Serotonin und Histamin. Ziel ist vor allem eine Verbesserung motorischer Symptome ohne Verstärkung von Überbewegungen.

Gegen Impulskontrollstörungen wird der bereits auf dem Markt befindliche Opioid-Antagonist Naltrexon in einer Phase III-Studie getestet. Naltrexon ist in Deutschland zur medikamentösen Unterstützung der Entwöhnungsbehandlung ehemaliger Opiat-Abhängiger nach einer erfolgreichen Opiat-Entgiftung zugelassen.

Eine Studie verglich die Wirksamkeit verschiedener Zielpunkte der tiefen Hirnstimulation. Es konnte gezeigt werden, dass die beiden häufigsten Zielorte ein vergleichbar gutes Stimulationsergebnis nachweisen können. Für die Auswahl kommen eher nichtmotorische Faktoren in Frage.
Interessant war zu hören, dass man sich mit der intranasalen Gabe von L-Dopa als schnell wirksame Darreichungsform befasst, ebenso mit der Verabreichung von L-Dopa über die Lunge.

Genetischer Einfluss auf Parkinson

Herr Professor Gasser aus Tübingen stellte die genomweite Assoziationsstudie für PSP und kortikobasale Degeneration vor. Eine ähnliche Studie hatte für Parkinsonpatienten neue Erkenntnisse über den Einfluss genetischer Faktoren für Patienten mit sporadischem Parkinson-Syndrom erbracht. Es bleibt zu hoffen, dass auch diese Studie neue Impulse für die nach wie vor nur eingeschränkt behandelbaren Erkrankungen setzt.

Die PSP – progressive supranukleäre Blickparese – wird zunehmend in unübersehbare Untergruppen unterteilt. Ob dies einen Fortschritt in der Therapie nach sich zieht, muss abgewartet werden. Bekannt sind ja bereits die beiden Verlaufstypen Richardson-Syndrom (PSP-RS), die Bezeichnung für die typische PSP, und der Typ PSP-P – Parkinson-Typ der PSP, der in den ersten Jahren günstiger verläuft und ein gewisses Ansprechen auf die Parkinson-Medikation zeigt. Beispiele weiterer, sogenannter atypischer Verläufe:

  • PSP-PNFA (progressive nonfluente Aphasie) – PSP Patienten mit einer besonders ausgeprägten Sprachstörung,
  • PSP-PAGF (pure akinesia and gait freezing) – PSP mit Gangstörung und Freezing
  • PSP CBS – PSP mit kortikobasalem Syndrom
  • PSP CST – PSP mit spastischer Paraparese
  • PSP-PNLA (pallido-nigro-luysial atrophy) – Gangstörungen und Störung der Handschrift sehr auffallend.
  • Ähnliche Aufteilungen findet die kortikobasale Degeneration.

Bewegungsstörungen als Begleiterscheinung einer Krebserkrankung

Bewegungsstörungen können selten als nicht-metastatische Komplikation eines Tumors auftreten. Die genaue Häufigkeit ist nicht bekannt, es wird angegeben, sie liege unter 1 %. Besonders häufig kommt es zu Gangunsicherheit, Muskelzuckungen, Schwindel und Benommenheit. Die Bestimmung von typischen Antikörpern kann bei der Diagnosestellung hilfreich sein.

Tango gegen Parkinson

Da der Kongress in Argentinien stattfand, soll abschließend die Studie mit sehr positiven Erfahrungen mit dem argentinischen Tango bei Parkinson Erwähnung finden. Des Rätsels Lösung liege in der erhöhten Ausschüttung von Testosteron und der Absenkung des Stresshormons Cortisol.

Stand Oktober 2010 | Dr. med. Ilona Csoti