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Bericht vom „12. Internationalen Kongress Parkinson und Bewegungsstörungen“ in Chicago 2008

Stand Juli 2008 | Dr. med. Ilona Csoti, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Einleitung

Chicago

Vom 22. bis 26. Juni 2008 trafen sich Neurologen aus der ganzen Welt zum „12. Internationalen Kongress Parkinson und Bewegungsstörungen“ in Chicago, um über aktuelle Therapien und Forschungsergebnisse zu diskutieren. Im Rahmen des fünftägigen Kongresses griffen zahlreiche Vorträge und Workshops aktuelle Themen auf, um den Kongressteilnehmern neue Impulse für ihre tägliche Arbeit in Kliniken und Praxen zu geben. Der rege Dialog mit den Referenten und mitwirkenden Experten, die den Kongress begleitende Ausstellung sowie der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer untereinander unterstrichen, wie sinnvoll ein persönlicher Austausch auch in Zeitalter des Internets sein kann.

Chicago als einladende Kongressadresse hatte sicherlich auch einen großen Anteil an der regen Teilnahme. Am Südwestufer des Michigansees im US-Bundesstaat Illinois in den Vereinigten Staaten von Amerika gelegen, ist Chicago die drittgrößte Stadt der USA. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehört sie auch zu den wichtigen Handelsstädten. Besondere Kennzeichen neben seiner Lage an einem der größten Seen Nordamerikas sind die weltberühmten Hochhäuser wie der Sears Tower oder das IBM Building sowie der Chicago River, der von mehr als 20 Zugbrücken überquert wird.

Diagnostische Tools in der prämotorischen Phase

Am ersten Kongresstag wurde über neue diagnostische Tools in der so genannten prämotorischen (vor Auftreten von Zittern oder Steifheit) Phase der Parkinson-Erkrankung diskutiert. Die Bemühungen gehen im Augenblick dahin, die Diagnose M. Parkinson bereits zu stellen, wenn noch keine motorischen Ausfälle bestehen. Grundlage dieser Bemühungen ist der Wunsch nach einer krankheitsmodifizierenden Behandlung, welche den Zeitpunkt des Ausbruchs über Jahre nach hinten verschieben könnte. Die PARS Studie beispielsweise untersucht bei über 7.000 Patienten das Risiko von Angehörigen an Parkinson Erkrankter mittels Riechtestung und nuklearmedizinischer Bildgebung, an M. Parkinson zu erkranken.
Wichtige Themen am Nachmittag waren das Management von Wirkungsfluktuationen und nichtmotorische Komplikationen der Parkinson-Krankheit, neue Möglichkeiten der funktionellen Bildgebung, der Neuroprotektion und die Frage „Wann soll eine medikamentöse Therapie bei Parkinson begonnen werden?“.

Vorstellung neuer Behandlungsoptionen

Vorgestellt wurden die Ergebnisse einer Phase-2-Studie mit Pardoprunox, eines neuen partiellen nichtergolinen Dopamin-Agonisten und Serotonin-Agonisten (SLV308, Solvay Pharmaceuticals). Bei signifikant besserer Wirkung auf die Motorik im Vergleich zu Plazebo, war die Rate von Nebenwirkungen – am häufigsten Übelkeit mit 47 Prozent – sehr hoch und erfordert weitere Dosisfindungsstudien.

Die Verabreichung einer neuen L-Dopa-Vorstufe in transdermaler Form (Pflaster) in einer kleinen Pilotstudie zeigte erneut das Bestreben nach der Herstellung eines L-Dopa-Pflasters, das eine Revolution in der Parkinson-Behandlung darstellen würde. Die bisherigen Bemühungen scheiterten an den schwierigen biochemischen Eigenschaften von Dopamin bzw. L-Dopa.

Um die kurze Halbwertszeit von L-Dopa zu überlisten, wurde außerdem eine zweischichtige Tablette entwickelt, die 25/100 mg Carbidopa/Levodopa als schnelle bzw. als extended-release-Galenik enthält und nur zweimal täglich gegeben werden muss. In einer kleinen Studie mit 12 Patienten zeigte sich eine ausgeglichene Wirksamkeit ohne Dyskinesien im Vergleich zur normalen Standardtablette.

In der PRE-CEPT-Studie wurde die Wirksamkeit von CEP-1347 an 904 Patienten untersucht. Es handelt sich dabei um eine völlig neue Anti-Parkinson-Strategie, bei der Enzyme in dopaminergen Nervenzellen der schwarzen Substanz gehemmt werden, die zum Absterben der Zellen führen. Safinamid, ein Natrium- und Kalziumkanal-Modulator, der außerdem die MAO-B reversibel hemmt und die Ausschüttung von Glutamat blockiert, wurde bereits in Phase-III-Studien untersucht und verbesserte die motorischen Funktionen bei Patienten mit M. Parkinson. Aufgrund seiner Glutamat-antagonistischen Wirkung wird außerdem ein positiver Einfluss auf die Kognition diskutiert.

Seit März 2008 ist in Deutschland die Retardtablette von Requip – ReQuip Modutab – zugelassen. Sie muss nur einmal am Tag verabreicht werden und die Einnahme ist unabhängig von der Nahrungsaufnahme. In Chicago wurden die Ergebnisse der PREPARED Studie vorgestellt. Als zusätzliche Gabe zu L-Dopa konnten Patienten mit ReQuip Modutab höhere Dosierungen erreichen als mit der Standard-Requip-Tablette. Darunter waren die Off-Zeiten stärker verkürzt und es konnte mehr L-Dopa eingespart werden als mit der Standard-ReQuip-Tablette.

Die Fünfjahresdaten einer Pilotstudie mit Spheramine (R), einer neuen operativen Behandlungsmethode bei M. Parkinson, wurden von Titan Pharmaceuticals vorgestellt. In der Studie waren die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit des Wirkstoffes (dopaminproduzierende Zellen aus der Netzhaut in das Gehirn injiziert) untersucht worden. Am 03. Juli 2008, also wenige Tage nach dem Kongress, gab es jedoch eine Meldung in einer Apothekenzeitung Berlin, dass der Pharmakonzern Bayer und sein US-amerikanischer Kooperationspartner die klinischen Studien an dem Antiparkinson-Wirkstoff Spheramine gestoppt haben. Nach Angaben von Titan zeigte die Substanz in der Phase IIb keine Überlegenheit gegenüber Placebo.

Ausführlich wurde über mögliche Verhaltensstörungen (Impulskontrollstörungen) als Nebenwirkung einer Behandlung mit Dopaminagonisten gesprochen. In einer Studie wurden bei über 13 Prozent der Patienten derartige Auffälligkeiten gefunden. Diskutiert wurden die biochemischen Zusammenhänge und deren Auswirkungen auch auf andere Erkrankungen und das Umgehen mit dieser Nebenwirkung in der Praxis.

Einen breiten Raum nahmen die nichtmotorischen Störungen (vegetative und affektive Störungen, kognitive Störungen und Demenz) ein – sowohl bezüglich der Diagnostik als auch der Therapie und auch die neuesten Daten zur Genetik bei M. Parkinson. Interessant waren auch erste Untersuchungen über den Einfluss genetischer Faktoren bezüglich der Wirksamkeit aber auch bezüglich von Nebenwirkungen (z.B. Überbewegungen) der medikamentösen Parkinson-Therapie (COMT-Gen, MAO-Gen etc.).

An weiteren Themen wurden die Möglichkeiten der Infusionstherapie (Apomorphin, Duodopa) diskutiert, neue Zielpunkte und Indikationen für die tiefe Hirnstimulation, diagnostische und therapeutische Aspekte von Dystonien, Restless Legs, Ataxien, Tremor und Morbus Huntington.

Vorgestellt wurde der neue MDS-UPDRS, eine Überarbeitung der bisherigen Skala zur Evaluation der Krankheitsschwere bei Morbus Parkinson.

An einem der Stände wurden Hilfsmittel für Patienten mit Parkinson vorgestellt. So zum Beispiel zur Verbesserung der Mobilität bei Freezing der Gehstock mit Laserstrahl oder auch der Gehwagen mit Laserstrahl, zwei verschiedene Aufstehhilfen und ein Gerät zur Verbesserung der Kommunikation.

Stand Juli 2008 | Dr. med. Ilona Csoti, Gertrudis-Klinik Biskirchen