zur Startseite

Fragestunde der Deutschen Parkinson Vereinigung am 11. September 2008 in Nürnberg

Stand Oktober 2008 | Zusammenfassung durch Christian Bahlinger

Zusammenfassung der wichtigsten Fragen und Antworten

Frau auf Parkinsonkongress

Auf ihrer Jahrestagung initiierte die Deutsche Parkinson Vereinigung am 11. September im Maritim Hotel Nürnberg eine Fragestunde mit acht Chefärzten renommierter Parkinson-Kliniken aus ganz Deutschland. Dabei standen die Parkinson-Experten den dPV-Delegierten zu unterschiedlichen Themen Rede und Antwort.

 

Die Experten im Einzelnen:
Dr. med. Ilona Csoti, Gertrudis-Klinik Biskirchen
Dr. med. Joachim Durner, Fachklinik Ichenhausen
Dr. med. Kirsten Hahn, Neurologisches Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen/Parkinson, Beelitz-Heilstätten
Dr. med. Michael Messner, Neurologische Klinik München
Dr. med. Renate Renner, ASKLEPIOS Fachklinik Stadtroda
Dr. med. Martin H. Strothjohann, Parkinson-Klinik Wolfach
Dr. med. Peter Themann, Klinik am Tharandter Wald, Hetzdorf
Dr. med. Christiane Wegner, Paracelsus-Elena-Klinik, Kassel

Fragen und Erfahrungsberichte kamen zu den folgenden Themen:
1. Begleitende Nebenwirkungen der Medikation und der Krankheit (Demenz, Spiel- u. Sexsucht etc.)
2. Invasive Verfahren (z.B. THS)
3. Medikamentöse Therapie vs. Alternative Therapie

Block 1: Begleitende Nebenwirkungen der Medikation und der Krankheit (Demenz, Spiel- u. Sexsucht etc.)

FRAGE: Man hört häufig, dass eine Demenz bei Morbus Parkinson schneller voranschreitet als bei einer Alzheimer-Demenz. Ist dies richtig?
ANTWORT: Man muss erst einmal eine genaue Diagnose stellen. Die Demenz bei Morbus Parkinson und bei Alzheimer unterscheiden sich. Eine Demenz muss, um richtig diagnostiziert zu werden, ein halbes Jahr anhalten und der Alltag muss gestört sein.
ANTWORT: Man muss sich fragen, ob die Diagnose richtig gestellt ist. Wichtig ist dabei auch die Frage nach der Einstellung. Man darf nicht vergessen, dass Parkinson-Medikamente Auswirkungen auf die Reaktionsschnelligkeit haben.
ANTWORT: Durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr kann es zu Fehlinterpretationen in Bezug auf eine Demenz kommen. Außerdem muss man auch daran denken, dass ein Parkinson-Patient älter wird. Er kann also sowohl eine Demenz auf Basis von Morbus Parkinson als auch eine Alzheimer-Demenz ausbilden. Die Übergänge sind fließend.
ZWISCHENFRAGE: Auf Vorträgen habe ich aber schon gehört, dass sehr deutlich erkennbar ist, dass die Demenz bei Morbus Parkinson schneller voranschreitet als bei einer Alzheimer-Demenz.
ANTWORT: Die Kollegen hier auf dem Podium sind sich einig, dass dies nicht der Fall ist.

FRAGE: Ich habe festgestellt, dass Gedächtnisstörungen bzw. Gedächtnislücken wanderten. Sind dafür möglicherweise die Parkinson-Medikamente verantwortlich?
ANTWORT: Eine vorhandene Gedächtnisstörung kann durch Parkinson-Medikamente verschlechtert werden. Das gilt aber auch für Medikamente aus anderen medizinischen Bereichen (z.B. Kortison). Diese Medikamente verursachen aber keine Demenz. Auch Antidepressiva oder Blasenmedikamente können zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung führen.

FRAGE: Ab wann bzw. bei welchen Symptomen muss man beim Verdacht einer Demenz einen Arzt aufsuchen?
ANTWORT: Bei Parkinson und Demenz muss man zwei Unterscheidungsmerkmale beachten. Gedächtnisstörungen (Wo sind Dinge?) passieren einem Parkinson-Patient ohne Demenz nicht. Selbst Vergesslichkeit gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich um Umstellungsprobleme – Probleme in der räumlichen Orientierung. Ein anderes Problem ist da die Halluzination. Gehen Sie routinemäßig einmal pro Jahr zur Untersuchung.
ANTWORT: Die richtigen Medikamente können im Übrigen diese Symptome mildern.

FRAGE: Gibt es Untersuchungen, die die Dauer und Länge der Demenzerkrankung beschreiben? Können „junge“ Parkinson-Erkrankte eher an Demenz erkranken als „ältere“?
ANTWORT: Ein Parkinson-Patient hat eine Lebenserwartung wie ein „Normalsterblicher“. In höherem Alter kann man keine Differentialdiagnosen zwischen vaskulärer Demenz und anderer Demenzformen treffen.
ANTWORT: Je früher man an Morbus Parkinson erkrankt, desto wahrscheinlicher ist es, an Demenz zu erkranken.

FRAGE: Erkranken 40 bis 60 Prozent der Parkinson-Patienten generell an Demenz oder ist dies eine altersbedingte Erscheinung?
ANTWORT: Im Prinzip kommt es nicht auf diese Zahl an. Wichtig ist, dass es einen Demenz-Patienten gibt. Man muss vor allem für diese Diagnose offen sein. Man darf sich nicht vor solch einer Diagnose verstecken, denn der Einsatz von Medikamenten sollte so früh wie möglich beginnen. Reden Sie in solchen Fällen dem Patienten gut zu.
ANTWORT: Dies ist für die Angehörigen eine Wahnsinnsaufgabe. Ein Demenz-Patient ist zu Hause nicht mehr zu versorgen. Da hilft im Grunde nur noch die Einweisung in eine Spezialklinik. Dies auch alleine schon wegen der Hilfsmittel. Im ambulanten Bereich bestehen dahingehend zu wenig Möglichkeiten.

Block 2: Invasive Verfahren (z.B. THS)

FRAGE: Was sind invasive Verfahren?
ANTWORT: Darunter verstehen wir drei Verfahren – die Tiefe Hirnstimulation sowie zwei Pumpensysteme. Die Pumpen halte ich für eine hervorragende Therapieform. Die Pumpe kann dabei das Medikament genau da platzieren, wo es notwendig ist.
FRAGE: Wie weit werden die Angehörigen in die Pumpensituation eingebunden? Werden auch die Angehörigen dazu eingeladen, an Schulungen teilzunehmen?
ANTWORT: Wenn bei uns in der Klinik eine invasive Therapie angesetzt wird, dann bauen wir da auch auf die Angehörigen. Denn die Angehörigen müssen mithelfen, dass der Patient zurecht kommt.
ANTWORT: Krankenschwestern und -pfleger kommen bei uns auch nach Hause, um bei Problemen zu helfen.
ANTWORT: Für die Duo-Dopa-Pumpe gibt es im Übrigen auch eine Notfallnummer. Es kommen dann ausgebildete Fachkräfte zu Ihnen nach Hause.

FRAGE: Ich habe eine Frage zur Tiefen Hirnstimulation. Wie sieht es mit den Nebenwirkungen bei der Tiefen Hirnstimulation aus?
ANTWORT: Bei der Tiefen Hirnstimulation muss eine sorgfältige Auswahl innerhalb der Patienten getroffen werden. Wer kommt für eine solche Behandlung in Frage und wer nicht.
ANTWORT: Man sollte ein Zentrum wählen, das innerhalb der Tiefen Hirnstimulation eine große Erfahrung besitzt. Denn es ist ein Unterschied, ob jemand 50 Sonden im Jahr legt oder nur fünf.
ANTWORT: Ein großes Problem der Tiefen Hirnstimulation kann eine Veränderung der Persönlichkeit sein. Dies wiederum ist abhängig von der Einstellung.
ERGÄNZUNG EINES TEILNEHMERS: Die Aufklärung vor einer Tiefen Hirnstimulation muss viel besser werden. Es gibt 160 oder mehr Möglichkeiten der Einstellung. Aber über die Nebenwirkungen wird man meines Erachtens noch zu schlecht aufgeklärt.
ANTWORT: Invasive Verfahren werden noch fast zu wenig angewandt. Dies sind sehr gute Verfahren, um bei fortgeschrittenen Patienten die Bewegungsschwankungen zu steuern. Das kommt bei Patienten und Angehörigen auch sehr gut an. Wir behandeln da Parkinson-Patienten wie Diabetiker: Schwankungen werden gezielt ausgeglichen.

FRAGE: Gibt die Gentherapie für die Zukunft Hoffnung?
ANTWORT: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir wissen noch nicht, wo der Krankheitsprozess des Morbus Parkinson lokalisiert ist. Daran wird allerdings weltweit geforscht. Und dies hielte ich für nobelpreiswürdig. Ich würde mich freuen, wenn ich es noch erleben dürfte.

FRAGE: Wenn die Behandlung mit einer invasiven Therapie von einem Neurologen abgelehnt wird, dann ist dies meines Erachtens oft ein Kostenproblem. Was kann man in solch einem Fall tun?
ANTWORT: Die Methode ist noch sehr neu. Neue Medikamente belasten die Budgets der Neurologen, weil sie sehr teuer sind.
ANTWORT: Das stimmt nicht ganz. Man kann besonders teure Behandlungen aus dem Budget nehmen lassen. Vielleicht muss man die Neurologen auch einfach einmal daran erinnern.

FRAGE: Wie verhält es sich mit Homöopathie in der Parkinson-Behandlung?
ANTWORT: Zusätzlich können homöopathische Therapien eingesetzt werden. Wenn Sie sich aber alleine darauf verlassen, schaden Sie sich.

FRAGE: Können homöopathische Mittel die Schulmedizin beeinflussen?
ANTWORT: Es gibt verschiedene Präparate, die die Leber oder die Niere beeinträchtigen. Da muss man vorsichtig sein.
ANTWORT: Geben Sie Ihrem Arzt eine Liste mit den Medikamenten, die Sie einnehmen. Dann weiß der behandelnde Arzt, inwiefern sich das eine oder andere Arzneimittel beeinflusst.

FRAGE: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Morbus Parkinson und Osteoporose?
ANTWORT: Bei allen Patienten, die sich wenig bewegen, zeigen sich Formen von Osteoporose. Daher die eindringliche Bitte: Bewegen Sie sich ausreichend oder nutzen Sie Krankengymnastik-Angebote.

FRAGE: Krankengymnastik als Gegenpol. Wie sind da Ihre Erfahrungen?
ANTWORT: Die Physiotherapie wird in den nächsten Jahren immer wichtiger.
ANTWORT: Wir haben in der Klinik zwei Galileos. Das Problem ist aber ein ganz anderes. Krankengymnastik muss von der ersten Minute gemacht werden. Trainieren Sie täglich mindestens eine halbe Stunde. Beispielsweise bei Rückenproblemen. Machen Sie Ihre Übungen. Das ist für den frühen Parkinson ganz wichtig. Krankengymnastik ist natürlich sehr teuer. Daher kann ich nur an Sie appellieren: Machen Sie Ihre Hausaufgaben – auch zu Hause!
ANTWORT: Wir haben bei uns in der Klinik eine Untersuchung gemacht. Ergebnis: Galileo und Krankengymnastik stärkt beides das Gleichgewicht.
ANMERKUNG FRIEDRICH-WILHELM MEHRHOFF (gerichtet an die Chefärzte auf dem Podium): Schreiben Sie doch in Ihre Entlassungspapiere, dass die Medikation den Zustand des Patienten verbessert hat, Sie aber auch Physiotherapie als notwendig ansehen.

3. Block: Medikamentöse Therapie und Alternative Therapie

FRAGE: Wie wichtig ist die Führung eines Motorik-Protokolls?
ANTWORT: Das ist sehr wichtig, dass Sie das führen. Sie werden ja exakt nach den beschriebenen Auswirkungen eingestellt.

FRAGE: Wie wichtig ist dabei der Faktor Ernährung? Wann muss man Eiweiß einnehmen, damit die Wirkung der Medikamente nicht ihre Wirkung verliert.
ANTWORT: Das gilt – wenn überhaupt – nur für die L-Dopa-Präparate. Die Wirkung von L-Dopa schränkt man höchstens ein, wenn man es unter das Joghurt mischt. Das sollte man daher nicht unbedingt machen.
ANTWORT: Wir hatten bei uns in der Klinik den Fall, dass bei einigen Patienten am Morgen gar nichts ging. Als wir uns näher mit ihren Essgewohnheiten beschäftigt haben, stellte sich heraus, dass sie gerne Joghurt und Quark zum Frühstück gegessen haben. Da müssen wir natürlich reagieren.
ANTWORT: Wenn Sie zeitgleich Eiweiß und L-Dopa nehmen, spielen Sie Russisches Roulette. Das führt zu Akinese. Am besten essen Sie eine halbe Stunde vor der Einnahme oder eineinhalb Stunden danach.

Stand Oktober 2008 | Zusammenfassung durch Christian Bahlinger