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Schluckstörungen bei der idiopathischen Parkinson-Krankheit

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Schluckvorgang, Dysphagie

Parkinsonpatient bei Rachenuntersuchung

Das Schlucken ist ein automatischer Vorgang. Wir schlucken zwischen 600 bis 2000 mal pro Tag, neben der Nahrung wird täglich ca. 1 ½ Liter Speichel geschluckt, ohne unsere Aufmerksamkeit.

Damit nicht Speichel und Nahrung über den Kehlkopf in die Luftröhre bzw. unnötige Luft nicht in die Speiseröhre gelangen kann, existieren im menschlichen Körper besondere Schluss- und Sicherheitsmechanismen. Der Schluckvorgang ist ein willkürlich eingeleiteter Vorgang, danach aber eine automatische Reflexkette. Der Schluckvorgang wird meist erst dann bewusst wahrgenommen, wenn er durch eine Störung beeinträchtigt ist.

 

Als Dysphagie bezeichnet man jede pathologische Störung des Schluckvorganges, Schluckstörungen sind lebensbedrohliche Erkrankungen und mindern auch die Lebensqualität erheblich.

Die Nahrungsaufnahme und der Nahrungsmitteltransport von der Mundhöhle zur Speiseröhre können auch bei dem idiopathischen Parkinson-Syndrom gestört sein. Die Häufigkeit von Schluckstörungen beim Morbus Parkinson wird mit 50 - 75% angegeben. Schluckstörungen gehören aber nicht zu den Anfangssymptomen der Parkinson-Krankheit. Das frühzeitige Auftreten dieser Symptome ist ein Zeichen für den Arzt, die Diagnose Parkinson in Richtung von Multisystematrophien oder anderen neurologischen Erkrankungen zu überprüfen.

In fortgeschrittenen Stadien der Parkinson-Krankheit treten Schluckstörungen dennoch häufig auf. Die Stimmbildung, das Sprechen sind dabei oft beeinträchtigt oder nicht mehr möglich.

Hustenanfälle bei den Mahlzeiten, häufiges Verschlucken, chronischer Husten (auch nachts) oder zwanghaftes Räuspern, sowie deutlich vermehrter Zeitaufwand für die Mahlzeiten (mehr als eine Stunde) machen auf Schluckstörungen der Patienten aufmerksam. Auch ein deutlich vermehrter Speichelfluss kann auf Schluckstörungen hinweisen.

Ursache der Schluckstörungen bei der Parkinson-Krankheit ist die Akinese der an dem Schluckvorgang beteiligten Muskeln und die Störung des automatischen Schluckvorgangs. Die Schluckstörungen gehören zu den Spätkomplikationen der Parkinson-Krankheit, die leider auf die übliche dopaminerge Kombinationstherapie nicht ausreichend reagieren.

Die Folgen der Schluckstörungen können gravierend sein:

  • Erstickung
  • Chronische Bronchitis
  • Aspirationspneumonie (Lungenentzündung, die durch das Verschlucken von Speichel und Nahrung in den Atemtrakt entsteht)
  • Mangelnde Flüssigkeitsaufnahme
  • Mangelernährung, Gewichtsabnahme, erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, Gefahr des Wundliegens

Besonders gefährlich ist die sogenannte „stille Aspiration“, d.h. unbemerkt ohne die typischen Symptome wie Hustenreiz und Räusperzwang bei der Nahrungsaufnahme.

Therapie der Schluckstörungen

Auch bei Schluckstörungen von Parkinson-Patienten ist häufig eine umfangreiche Diagnostik unter Zuziehung von HNO-Ärzten und von bildgebenden Verfahren notwendig, um andere Ursachen der Schluckstörung auszuschließen.

An erster Stelle steht selbstverständlich der Versuch, die Parkinson-Medikation zu optimieren. Wie schon erwähnt, führt dies leider oft nicht zu dem erwünschten Erfolg, sodass die unten erwähnten physikalischen und anderen Maßnahmen eine größere Bedeutung erlangen.

Multidisziplinäre physikalische Therapie

Wegen der engen Zusammenhänge des Schluckens und des Sprechens sowie der Atmung werden die Schluckstörungen im Allgemeinen multidisziplinär (also durch Therapeuten von mehreren Therapierichtungen wie Logopädie, Physiotherapie, Atemtherapie gemeinsam) behandelt. In der Therapie wird ein individuell an die vorliegenden Schluckstörungen angepasstes Funktionstraining erarbeitet.

Das sogenannte Schlucktraining beinhaltet die Erarbeitung und Einübung eines effizienten Schluckvorgangs, das Training der Mund- und Gesichtsmuskulatur in Kräftigung, Koordination und Bewegungsauslenkung von Lippen, Zunge, Wangen und Kiefer. Auch die Anleitung zum Schlucken verschiedener Nahrungskonsistenzen (flüssige, breiige, feste Nahrung) ist Teil dieser Therapie. Mittels Schluck- und Haltungsübungen (wie zum Beispiel "Kinn zur Brust") kann der Ablauf des Schluckens verbessert werden.

Anpassung der Nahrung

Häufig sind die Schluckstörungen bei einzelnen Nahrungsmitteln intensiver (z. B. klare Suppe, Reis, bröselige Speisen). Das Eindicken der Suppe und der warmen oder kalten Getränke kann eine wichtige Hilfe bei der Flüssigkeitsaufnahme darstellen.

Bei den Schluckstörungen spielt bei Parkinson-Patienten auch das gestörte Zerkauen der festen Nahrung eine wichtige Rolle. Mundgerechte, eventuell breiige Kost kann das Schlucken deutlich erleichtern. Das Herunterschlucken von Tabletten kann mit Hilfe von z. B. Apfelmus erfolgen. (Nicht mit eiweißhaltigem Joghurt!)

Anwendung von Hilfsmitteln

Suppe kann auch aus einer Schnabeltasse getrunken werden, oft können Getränke besser mittels Strohhalm aufgenommen werden.

Ernährung mittels Nasensonde oder PEG

Wenn trotz der oben genannten Maßnahmen die oral aufgenommene Nahrung und/oder Flüssigkeit nicht mehr ausreichend ist, kann vorübergehend eine Nasensonde gelegt werden. Eine Nasensonde ist z. B. in solchen Fällen indiziert, wo bei einer akuten Verschlechterung nur mit einer vorübergehenden Sondenernährung zu rechnen ist. Nasensonden sind für die Langzeittherapie nicht geeignet, weil wunde Stellen in der Nase und in der Speiseröhre schon nach 2 Wochen entstehen können.

Für die dauerhafte Sondenernährung wird in örtlicher Betäubung durch die Bauchwand eine Kunststoffsonde (PEG-Sonde) gelegt. Die Nahrung und vor allem die notwendige Menge von Flüssigkeit sowie die Tabletten können mittels Spezialbesteck (sieht so aus, wie eine Infusion) direkt in den Magen verabreicht werden. Es ist durchaus sinnvoll, soweit möglich, zusätzlich zur Sondennahrung auch durch den Mund Nahrung aufzunehmen. Die PEG-Sonde wird unter der Kleidung unsichtbar getragen.

Der Patient und die Angehörigen benötigen eine entsprechende „Sondenschulung“. Auch eine intensive Betreuung des Patienten und seiner Angehörigen im Umgang mit der veränderten seelischen, sozialen und psychischen Situation ist unumgänglich.

Ratschläge für Patienten mit Schluckproblemen

Körperhaltung: Bei der Nahrungsaufnahme aufrecht sitzen, den Kopf beim Schlucken nach vorne beugen. Versuchen Sie, die ideale Schluckposition zu finden. Bleiben Sie ca. 20 Minuten nach dem Essen aufrecht sitzen.

Trinken: Nehmen Sie immer kleine Mengen in den Mund und schlucken Sie kräftig. Setzen Sie das Glas nach jedem Schluck ab.

Eindicken: Sollten Sie beim Schlucken von Flüssigkeiten Probleme haben, so dicken Sie diese mit entsprechenden Mitteln aus der Apotheke ein.

Essen: Kauen Sie kleine Bissen sorgfältig und achten Sie auf geschlossene Lippen und Zahnreihen beim Schlucken, bei Bedarf nachschlucken!

Nehmen Sie sich genügend Zeit und genießen Sie Ihre Mahlzeiten - erst nach dem Schlucken wieder sprechen!

Allgemeines
Vermeiden Sie Nahrungsmittel mit unterschiedlicher Festigkeit (z.B. Suppe mit Einlage). Nichts Krümeliges!

Regelmäßige Mundpflege ist wichtig!

Führen Sie genaue Aufzeichnungen über Ihr Gewicht.

Maßnahmen beim Verschlucken
Beugen Sie sich nach vorne und husten Sie kräftig - nicht auf den Rücken klopfen!

Holen Sie sich Hilfe!

Eine ausführliche Beschreibung der bei Schluckstörungen empfohlenen Speisen finden Sie in unserem Beitrag Parkinson und Ernährung.

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen