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Sprechstörungen bei der idiopathischen Parkinson-Krankheit

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Rednerpult mit Mikrofon

Die menschliche Stimme ist ein wesentlicher Teil der Kommunikation. Sie entsteht durch eine exakte Abstimmung von Atmung, Stimmlippen- und Sprechbewegungen. Nicht nur das Zusammenspiel dieser Muskelgruppen ist für die normale Stimme verantwortlich, sondern der Mensch im Ganzen.

 

Die Persönlichkeit des Menschen findet Ausdruck in der Stimme. Die krankheitsbedingten Veränderungen der Stimme von Parkinson-Patienten spielen dementsprechend auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation eine wichtige Rolle.

Der Stimmapparat besteht aus der Lunge, dem Kehlkopf und dem so genannten Ansatzrohr.

Die Funktion der Stimmorgane kann mit der Tonerzeugung in einem Musikinstrument (Orgel) verglichen werden. Die Lunge hat die Funktion des Blasebalgs. Der Luftstrom ist der Antrieb bei der Stimmerzeugung, der die Stimmlippen (= Stimmbänder) im Kehlkopf und damit die ausströmende Luft zum Schwingen bringt, was als Ton hörbar ist. Die Stimmlippen können durch die Kehlkopfmuskulatur sehr fein reguliert werden, wodurch die Tonhöhe geändert wird. Die Erhöhung der Stimmlautstärke erfolgt durch ein stärkeres Anblasen der Stimmlippen bei der Ausatmung. Das so genannte Ansatzrohr besteht aus Rachen, Mundhöhle und Nasenhöhle und dient als Resonanzraum und Sprechorgan. Die Funktion dieser einzelnen Organe kann bei der Parkinson-Krankheit gestört sein. Es entsteht dann eine Stimmstörung (=Dysphonie).

Im Gegensatz zu den bei anderen neurologischen Krankheiten auftretenden Sprachstörungen (Aphasien: Störungen des Sprachverständnisses und der zentralen motorischen Ausführung) sind bei Parkinson-Patienten sogenannte Sprechstörungen vorhanden.

Diese Sprechstörungen haben verschiedene krankheitsbedingte Ursachen:

Störungen der Atmung

  • Rigor- und Akinese verursachen eine Reduzierung der Luftmenge in der Lunge
  • Fehlendes Luftholen vor dem Sprechen

Störungen der Phonation

  • reduzierte Lautstärke, ohne Anpassung auf die Sprechanforderungen, sehr leise Stimme
  • eingeschränkte Anpassung der Tonhöhe, höhere Stimmlage
  • eingeschränkte Anpassung auf den Inhalt der Sprache (Monotonie eingeschränkte Sprachmelodie)
  • raue (heisere) / behauchte Stimme
  • eventuell Stimmtremor (zittrige Stimme, eher beim essentiellen Tremor

Störung der Resonanz

  • nasale Stimme (sehr selten)

Störung der Artikulation

  • Koordination von Phonation und Artikulation gestört
  • Koordination zwischen agonist. u. antagonist. Muskeln gestört
  • verwaschene Aussprache,
  • Verschmelzen der Laute bis zu einem einheitlichen Summen

Enthemmung

  • Palilalie: Der Patient wiederholt ein Wort bzw. eine Phrase immer und immer wieder, wobei er immer schneller und leiser wird (häufiger bei anderen parkinson-ähnlichen Krankheiten)

Therapie der Sprechstörungen

Neben der optimalen Parkinson-Medikation ist bei Sprechstörungen auch eine gezielte logopädische Sprech- und Stimmbehandlung notwendig. Im Rahmen dieser Therapie werden die Zusammenhänge der Körperwahrnehmung, Atmung, Haltung und Bewegung wie auch Stimmgebung und Artikulation vermittelt.

Ziel der Therapie ist es, die Leistungsfähigkeit der Stimme zu steigern. Voraussetzung ist die aktive Mitarbeit des Patienten. Er sollte die Übungen auch selbständig durchführen, im Alltag anwenden und auch seine Sprechgewohnheiten ändern können.

Nach der logopädischen Befunderhebung werden individuell abgestimmte Therapiemaßnahmen durchgeführt:

  • Verbesserung der Körperwahrnehmung
  • Körperspannungsübungen durch Entspannungsübungen bzw. Spannungsaufbau
  • Verbesserung der Körperhaltung und Bewegung
  • physiologische Atmung und Erweiterung der Atemräume
  • Verbesserung der Stimmproduktion: Übungen zur Stimmkräftigung oder zur Resonanz mit Silben oder Wörtern, die zu Sätzen ausgeweitet werden
  • Verbesserung der Artikulation
  • Übertragung des Erlernten in den Alltag

Ein speziell für die Behandlung der Sprech- und Stimmstörungen von Parkinson-Patienten entwickeltes, wissenschaftlich erprobtes Therapieprogramm ist das Lee Silverman Voice Treatment (LSVT©).

Die Methode, die von den Sprachtherapeutinnen Ramig und Mead (1987) entwickelt und nach einer der ersten Patientinnen benannt wurde, unterscheidet sich von anderen Therapieformen darin, dass eine Verbesserung der Sprachverständlichkeit über das Erhöhen der Lautstärke angestrebt wird. („All your need is loud“) In dem vierwöchigen Intensivprogramm werden regelmäßig Übungen zur Verbesserung der Stimmfunktion und Sprechlautstärke durchgeführt.

Verschiedene Untersuchungen belegen, dass die Stimme im Sprechsystem eine Schlüsselrolle spielt. Intensives Stimmtraining hat häufig deutliche Verbesserungen anderer Bereiche des Sprechens wie der Atmung, der Aussprache und der Satzmelodie bewirkt („Cross-over“-Effekt).

Das LSVT-Programm besteht aus drei Grundübungen zur Stimmkräftigung und Erweiterung des Stimmumfangs, die täglich wiederholt werden und einem Sprechtraining, das der Übertragung der erarbeiteten Lautstärke auf die Sprechstimme dient.

Durch die Grundübungen werden die krankhaften Veränderungen der Parkinson-Patienten beeinflusst. Die vermehrte Anstrengung, die für die höhere Lautstärke notwendig ist, vermindert die Akinese und führt dadurch zu einem verbesserten Stimmbandschluss und zu einer stabileren Stimmgebung.

Neben der klaren Struktur und dem systematischen Aufbau des Trainings ist ein wichtiger Vorteil die sofortige Übertragung der lauteren Stimme auf das Sprechen. Bereits am ersten Tag kann der Patient die erhöhte Lautstärke anhand einiger kurzer Äußerungen anwenden. Dies steigert sich im Verlauf der 4-wöchigen Therapie bis zur freien Konversation, mit einem eindeutigen Feedback für den Patienten.

Stand August 2012 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen