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Vegetative und sensorische Symptome der Parkinsonkrankheit

Stand April 2013 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Parkinsonpatient beim Blutdruck messen

Obwohl im klinischen Bild der Parkinsonkrankheit die motorischen Störungen, (die Bewegungsstörungen) und das Zittern dominieren, treten auch häufig Symptome seitens des sogenannten vegetativen oder autonomen Nervensystems auf. Das vegetative Nervensystem beeinflusst wichtige Funktionen des Lebens, welche nicht willkürlich steuerbar sind. Die vegetativen Störungen gehören zusammen mit den psychischen und den Schlafstörungen, mit den Schmerzen und den Gefühlsstörungen zu den nichtmotorischen Symptomen der Krankheit.

Folgende vegetative Systeme können bei der Krankheit betroffen sein:

  • Herz- und Kreislauf (Orthostase)
  • Magen-Darm-Regulation
  • Blasenfunktion
  • Sexualfunktion
  • Atmung
  • Wärmeregulation
  • Speichelfluss
  • Talgproduktion der Haut
  • Tränensekretion

Wenn einige dieser Symptome (Kreislaufschwäche, Blasenstörungen, Impotenz) frühzeitig in schwerer Form auftreten, wird die Diagnose der Parkinsonkrankheit überprüft, weil das frühe Auftreten dieser Beschwerden für eine Multisystematrophie typisch ist.

Herz-Kreislauf-Störungen
Häufiges Problem ist der zu niedrige Blutdruck der Patienten. Dieser kann durch die notwendige Parkinson-Medikation unerwünscht weiter gesenkt werden. Auch ein beim Aufstehen vom Liegen oder Sitzen auftretender weiterer Blutdruckabfall (= orthostatische Hypotonie) kann Beschwerden verursachen (Schwindelgefühl, Kollapsneigung bis Ohnmachtsanfall). Der tagsüber häufig normale Blutdruck kann in einigen Fällen nächtliche Spitzenwerte zeigen. Es können auch Herzrhythmus-Störungen und eine gestörte Anpassung der Herzfunktion auftreten. Die eventuelle Beeinträchtigung der Herzmuskulatur kann durch eine besondere Herzszintigraphie (MIBG-Szintigraphie) dargestellt werden. Diese Untersuchung kann für die Differenzialdiagnose der Multisystemerkrankungen (MSA) hilfreich sein. Die Symptome der Herz- und Kreislaufstörungen machen häufig eine besondere Medikation notwendig.

Magen- und Darmstörungen
Die chronische Verstopfung ist an sich ein häufiges Grundsymptom der Krankheit. Sie kann sich in einigen Fällen sogar vor dem Auftreten der motorischen Symptome zeigen. Die Ursachen der Darmträgheit sind mehrschichtig: Die wichtigste Rolle spielt die gestörte dopaminerge Steuerung der Darmwand. Auch hier sind die dopamin-haltigen Zellen betroffen. Hinzu kommen Rigor und Akinese der Bauchwand, verminderte Flüssigkeitszufuhr und die Nebenwirkungen der Antiparkinsonmittel. Bei der chronischen Obstipation ist die Gefahr eines Darmverschlusses immer gegeben. Ballaststoffreiche Ernährung, Einnahme von sog. Quellmitteln und vor allem ausreichende Flüssigkeitsaufnahme können den Stuhlgang regulieren.

Blasenstörungen
Häufiges Begleitsymptom der Parkinsonkrankheit ist die Reizblase, die auf eine Überfunktion der „Entleer“-Muskulatur der Blase zurückzuführen ist. Sie zeigt sich in Form der Dranginkontinenz, das heißt der Patient muss extrem häufig, auch bei minimaler Blasenfüllung, dringend auf die Toilette. Die Reizblase ist besonders in der Nacht quälend. Ein weiteres Problem ist die Störung der Blasenentleerung, von der Restharnbildung bis zur Überlaufblase. Auch einige Antiparkinsonmittel können als Nebenwirkung Störungen der Blasenentleerung hervorrufen. Die Blasenstörungen sind häufig medikamentös beeinflussbar, in schwierigen Fällen hilft ein Bauchwandkatheter.

Sexualfunktionsstörungen
Diese Beschwerden werden in erster Linie von den männlichen Patienten beklagt, das bedeutet aber nicht, dass Störungen der Sexualfunktion bei Frauen nicht auftreten können. Das häufigste Problem ist die Erektionsschwäche. Die Störungen des Geschlechtslebens sind besonders problematisch, wenn der Geschlechtstrieb (=Libido) erhalten oder sogar gesteigert ist. Einige Antiparkinsonmittel können als Nebenwirkung eine Libidosteigerung auslösen.

Atemstörungen
Infolge des Rigors und der Akinese der betroffenen Brust- und Bauchmuskulatur kommt es häufig zu einer oberflächlichen Atmung. Diese verursacht eine Unterbelüftung der Lunge und kann, besonders wenn sich der Patient häufig verschluckt oder erkältet, zu einer Lungenentzündung führen. Die oberflächliche Atmung beeinträchtigt auch die Sprache, die Stimme des Patienten wird extrem leise. Atemübungen können diesen Problemen entgegenwirken.

Wärmeregulationsstörungen
Viele Parkinsonpatienten haben eine gestörte Wärme- oder Kälteempfindung. Sie gehen auch bei extremer Kälte spärlich gekleidet auf die Straße. Andererseits leiden sie unter starkem Schwitzen, auch ohne körperliche Anstrengung oder große Hitze. Das Schwitzen kann besonders in der Nacht sehr ausgeprägt sein. Viele Patienten haben regelrechte Schweißausbrüche. Sie müssen in der Nacht mehrfach den Schlafanzug wechseln. Infolge des übermäßigen Schwitzens aber auch infolge der gestörten Wärmeregulierung sind die Patienten bei Hitze extrem gefährdet. Wenn die Flüssigkeitsaufnahme nicht ausreichend ist, kann schnell eine Austrocknung (Exsiccose) auftreten. Dies kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen (akinetische Krise, Verwirrtheit) führen. Die Notwendigkeit des ausreichenden Trinkens kann man nicht oft genug betonen! Gegen Schwitzen können Medikamente eine leichte Verbesserung mit sich bringen.

Speichelfluss
Im Gegensatz zu der allgemeinen Meinung ist die Speichelbildung der Patienten normal. Trotzdem kommt es in einigen Fällen zu einem extremen Speichelfluss. Ursachen dieses sehr quälenden Symptoms sind einerseits das fehlende automatische Herunterschlucken von Speichel, andererseits der stets offene Mund bei der nach vorne gebeugten Kopfhaltung. Auch einige Medikamente können als Nebenwirkung Speichelfluss verursachen. Spezielle Medikamente, Botulinum-Toxin-Spritzen und in einigen Fällen sogar Akupunktur können den Speichelfluss reduzieren.

Erhöhte Talgproduktion der Haut
Ein häufiges Symptom ist die erhöhte Talgproduktion der Haut (=Seborrhoe). Sie verursacht eine ölige Haut, insbesondere im Gesicht (=Salbengesicht). Es können auch Hautentzündungen und sogar ein Ekzem auftreten. Auch die Kopfhaut ist häufig betroffen. Eine Lokalbehandlung mit entsprechenden Mitteln ist notwendig.

Verminderte Tränensekretion
Seltener als die anderen vegetativen Symptome kann auch eine Austrocknung der Augen Probleme bereiten. Häufiger ist dieses Problem als Nebenwirkung zu beobachten. Augentropfen schaffen Abhilfe.

Empfindungsstörungen

Riechstörung
Wenn keine anderen Ursachen wie z.B. Entzündungen oder Schädelbasistrauma in der Vorgeschichte vorliegen, kann eine aufgetretene Riechstörung ein sogar spezifisches Frühzeichen der Parkinsonkrankheit sein. Auch die Riechzellen sind dopaminerg gesteuert und deswegen bei der Krankheit betroffen.

Sehstörungen
Auch die Retina (Netzhaut) im Auge beinhaltet dopaminerge Zellen, die als Teil des dopaminergen Systems bei der Parkinsonkrankheit in Mitleidenschaft gezogen sind. Demzufolge können eine Blau-Grün-Schwäche und ein gestörtes Kontrastsehen Teile der Parkinsonsymptomatik sein. Die bekannte Konvergenzschwäche der Augen kann Probleme beim Scharfsehen bereiten, die herabgesetzte Blinkrate der Augen kann zur Austrocknung der Augenschleimhaut führen. Auch der so genannte „Augentremor“ kann Sehstörungen verursachen.

Schmerzen und Missempfindungen
Anders als von James Parkinson angenommen, treten bei der Parkinsonkrankheit auch Schmerzen und anomale Körperempfindungen auf. Diese können sogar Anfangssymptome sein und führen dann häufig zu Fehldiagnosen orthopädischer Krankheiten (Schulter-Arm-Syndrom, Carpal-Tunnel-Syndrom, Wirbelsäulenerkrankung usw.). Die Parkinson-bedingten Schmerzen sind bei fluktuierenden Patienten in der „Off“-Phase deutlich stärker und können unerträglich werden. Es können sich auch brennende Missempfindungen in den Extremitäten zeigen.

Stand April 2013 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen