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Wahnhafte Störungen bei der Parkinson-Krankheit

Stand September 2013 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen

Streitendes Paar

Wahn ist ein Krankheitssymptom psychischer Erkrankungen. Als Wahn wird eine schwere inhaltliche Denkstörung bezeichnet. Typisch sind nicht korrigierbare Fehlwahrnehmungen und Fehlbeurteilungen der Wirklichkeit, an denen trotz objektiven Beweisen mit absoluter Gewissheit festgehalten wird. Die wahnhafte Störung kann die Urteilsfähigkeit und das Verhalten des Patienten schwer beeinträchtigen und beeinflusst in hohem Maße auch das soziale Milieu des Patienten. Diese Störung kann zu erheblichen Problemen in der Partnerschaft aber auch in der Therapie führen. Weil der Patient bezüglich dieser krankhaften Denkinhalte keine Korrektur akzeptiert und sich dementsprechend als nicht krank empfindet, wird er einer ärztlichen-medikamentösen Behandlung negativ gegenüberstehen. In seltenen Fällen gelingt es den Angehörigen oder dem Arzt, den Patienten von der Notwendigkeit einer Therapie zu überzeugen. Wenn infolge der wahnhaften Störungen und des Verhaltens der Patienten eine Gefährdung der eigenen Person oder der Allgemeinheit besteht, kann eine zwangsweise Einweisung durch das Gericht notwendig werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Patienten und oft auch die Angehörigen die Wahn-Symptome aus Scham auch vor dem behandelnden Arzt leugnen, so dass eine adäquate medikamentöse Behandlung oder die notwendige Änderung der Medikation gar nicht in Frage kommt.

Die Wahngedanken und die wahnhafte Fehlbeurteilung der Situation sind oft mit erheblichen Ängsten verbunden und können in dem Patienten das Gefühl einer akuten Gefährdung erwecken. In solchen Situationen kann der Patient versuchen, sich zu verteidigen und reagiert mit starker Aggression auf seine Umgebung.

Aggressionen kann auch der Versuch auslösen, wenn die wohlmeinenden Angehörigen versuchen, den Patienten mit logischer Argumentation von seiner Überzeugung abzubringen. Dieser Versuch ist also kontraproduktiv und sollte möglichst unterlassen werden. Wie schon die Definition von Wahn zeigt, ist das von den Patienten aufgebaute Wahngebäude wegen der Unkorrigierbarkeit der Wahngedanken und Ideen nicht zu erschüttern. Es ist also enorm schwierig für die Umgebung, sich mit den wahnhaften Störungen der Patienten zu arrangieren. Korrekturversuche werden oft in das aufgebaute Wahngebäude insoweit eingebaut, dass auch die Angehörigen im vermeintlichen Komplott gegen den Patienten als aktive Gegner wahrgenommen werden.

Das systematisch aufgebaute Wahngebäude kann in seltenen Fällen auf den ersten Blick sogar als logisch erscheinen. In solchen Fällen kann der Partner des Patienten in die wahnhafte Störung einbezogen werden. Diese Situation wird als induzierter Wahn (Folie á deux) bezeichnet.

Wahn kommt in erster Linie bei psychiatrischen Erkrankungen wie der Schizophrenie, der manisch-depressiven Psychose und bei den verschiedenen Demenzen vor, ist aber auch bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit nicht unbekannt. Die Häufigkeit der wahnhaften Störungen bei der Parkinson-Krankheit nimmt mit der Entwicklung einer Demenz deutlich zu. Auch die medikamentöse Behandlung kann ein auslösender oder unterstützender Faktor sein.

Von den zahlreichen Wahnformen kommen bei der Parkinson-Krankheit nur einige vor.
Am häufigsten kommt bei Parkinson-kranken Männern der Eifersuchtswahn vor. Die Entstehung kann durch die Diskrepanz zwischen der medikamentös ausgelösten Libidosteigerung und der gleichzeitig bestehenden Potenzstörung begünstigt werden.
Auch die Impulskontrollstörung Sexsucht kann in der Entstehung eine Rolle spielen. Die Partnerin kann den enormen Sexansprüchen des Patienten nicht mehr entsprechen oder ist der missglückten Versuche überdrüssig. Für den Patienten ist dann die einzig logische Erklärung, dass die Partnerin einen Geliebten hat und ständig fremdgeht. Jede Minute der Partnerin wird dann kontrolliert, ihr Verhalten beobachtet und gleichzeitig fehlgedeutet. Telefonate, SMS werden gelesen und diese als Bestätigung der Untreue in das Wahngebäude eingebaut. In einigen Fällen hat der Patient sogar einen Privatdetektiv beauftragt, seine entlastenden Beweise aber so interpretiert, dass auch der Privatdetektiv an der Seite der Partnerin steht. Ein Patient ist in der Ambulanz mit einem abgesägten Stück Toilettendeckel erschienen, um dieses auf Sperma-Spuren untersuchen zu lassen. Am Ende darf die Partnerin das Haus gar nicht mehr verlassen, trotzdem findet der Patient Beweise, dass die Partnerin den Geliebten z.B. in der Nacht empfängt. Der unkorrigierbare Eifersuchtswahn ist für die - oft betagte - treue Partnerin eine immense seelische Belastung. Es ist auch möglich, dass der Patient – unkorrigierbar von der Untreue der Partnerin überzeugt - auch handgreiflich, aggressiv wird. Häufig wird der Eifersuchtswahn durch eine beginnende Demenz verschlechtert.

Etwas seltener kommt bei Parkinson-Patienten der Verfolgungswahn vor. Der Patient fühlt sich ständig beobachtet und verfolgt. Die Verfolger können die Personen der Umgebung, die Familie aber auch Außenstehende sein. Er ist überzeugt, dass diese Personen ihn nicht nur beobachten, sondern ihm auch etwas Böses wollen, ihm nach seinem Leben trachten. Der Patient interpretiert das Verhalten dieser Menschen falsch, in jedem Satz findet er die Bestätigung seiner Wahngedanken. In diesen Situationen besteht die Gefahr, dass sich der Patient im Recht glaubt, wenn er gegen die vermeintliche Verfolgung auch aggressiv vorgeht. Eine besondere Form dieser wahnhaften Störung ist der Vergiftungswahn. Abgesehen davon, dass die Patienten die Lebensmittel und Flüssigkeiten ständig kontrollieren, ist es auch möglich, dass sie die Medikamenteneinnahme verweigern oder die Medikamente heimlich wegwerfen, was dann zu einer erheblichen Verschlechterung des körperlichen Zustandes führen kann. Die Therapie ist in dieser Situation enorm schwierig, weil auch die Ärzte und Pfleger in die Wahnvorstellungen mit eingebunden werden.

Besonders bei älteren Patienten, die Gedächtnisstörungen haben, kann eine besondere Wahnvorstellung entstehen: die Patienten meinen, ständig bestohlen zu werden. Die Betroffenen beschuldigen die Mitpatienten, die Pfleger, sogar die Ärzte. Die Wohnungstür lassen sie mit mehreren Schlössern versehen, so dass das Eindringen in die Wohnung ohne bleibende Spuren nicht möglich ist. Trotzdem sind sie überzeugt, dass jemand in der Wohnung war und Wertgegenstände gestohlen hat.

Extrem schwer depressive Parkinson-Patienten können selten weitere Wahnformen entwickeln. Solche sind der Verarmungswahn, wo der Patient ohne objektive Zeichen sicher ist, dass er sein Vermögen einbüßen wird oder eingebüßt hat. Eine andere Form bei Depression ist der Versündigungswahn, wo der Patient meint, dass er an verschiedenen Ereignissen die Schuld trägt und er dafür bestraft werden muss. Eine besondere Form ist der Krankheitswahn, diese Patienten sind überzeugt, dass sie infolge einer schwerer Krankheit, z.B. Schrumpfung des ganzen Gehirns, bald ihr Leben verlieren, obwohl dafür keine Zeichen vorhanden sind. Der nihilistische Wahn wird dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene glaubt, dass er nicht mehr existiert.

In einem Fall haben wir bei einer Parkinson-Patientin einen Dermatozoen-Wahn beobachtet. Sie war überzeugt, dass bei ihr unter der Haut zahlreiche kleine Insekten leben. Einen Fall von Erotomanie haben wir auch gesehen, die betroffene Patientin glaubte, von einer hochgestellten Person geliebt zu werden.

Die Behandlung der wahnhaften Störungen ist aus den oben genannten Gründen überaus schwierig, die Unkorrigierbarkeit der krankhaften Inhalte und die fehlende Krankheitseinsicht können eine adäquate Therapie sogar verhindern. Im Falle der Behandlung der Parkinson-Patienten mit wahnhaften Störungen kommen neben der Reduzierung der Antiparkinson-Mittel in erster Linie die atypischen Neuroleptika Clozapin und Quetiapin in Frage.

Stand September 2013 | Dr. Ferenc Fornadi, Gertrudis-Klinik Biskirchen